Ich bin fett.

Guten Tag. Mein Name ist Sabrina und ich bin fett. Ich weiss, was Coming Outs betrifft, ist das eher auf der bescheidenen Seite, denn ich erzähle euch ja nichts Neues. Zumindest nicht denen, die mich schon mal live gesehen haben. Jedoch handelt es sich hier tatsächlich um eine Art Durchbruch, dieses Statement. Zum ersten Mal gehört habe ich es letztes Jahr, von der grandiosen Lindy West, die ihr Coming Out in ihr Buch packte, so wichtig war es. Worum es geht, ist ein Statement, dass in seiner Tragweite von schlanken Menschen nicht verstanden werden kann:

Ich bin fett, und das ändert sich nicht.

Fette Menschen sind dazu angehalten, sich angemessen für ihren Körper zu schämen. Ein/e gute/r „Fattie“ isst in der Öffentlichkeit nicht, oder höchstens Gemüse, um anzuzeigen, dass er/sie sich bewusst ist, dass alles, was gut schmeckt, auf dem Altar der Selbstkasteiung geopfert werden muss. Im Sommer ein Glacé, wie alle anderen, hier, mitten auf der Strasse? Nur, wenn man bereit ist, sich den strafenden Blicken der optisch Fitteren auszusetzen.

Insbesondere als fette Frau hat man in seiner Daseinsberechtigung versagt. Frauen sind primär dazu gedacht, attraktiv zu sein, um am Arm eines Mannes dessen Status zu steigern. In diesem Zusammenhang sind wir nichts weniger als eine Blamage für jeden Mann, der sich mit uns auf die Strasse traut. Schliesslich muss sich dann jeder andere Mann fragen, warum der hier nichts Besseres abgekriegt hat. Nevermind Persönlichkeit und so’n Scheiss: Frauen werden gesehen, nicht gehört. Und fette Frauen will man nicht sehen. Schon gar nicht im Bikini.

Das klingt jetzt alles sehr salopp und ich traue der/dem geneigten Leser/in zu, dass der sarkastische Grundton ankommt. Was aber möglicherweise den Normalgewichtigen nicht klar ist, ist dass diese Mentalisierung bei uns früh anfängt. Immer wieder werden wir darauf hingewiesen, dass wir so viel bessere Menschen wären, wenn wir doch nur abnehmen würden. Und abnehmen ist, im Bewusstsein von Normal- und Untergewichtigen, lediglich eine Frage der Disziplin.

Ich könnte eine gute Fattie sein. Mein Körper reagiert angemessen auf Änderungen in der Kalorieneinnahme und der Fitnessroutine. Das bedeutet, wenn ich mich riguros an eine Diät halte und regelmässig Sport treibe, nehme ich ab. Was hier aber auf den ersten Blick nicht klar wird, ist, dass wir vom Rest meines Lebens sprechen. Ist ja nicht so schlimm, könnte man jetzt denken. Sport ist gesund, und eine Ernährungsumstellung gegebenenfalls wünschenswert. Dies berücksichtigt natürlich mein bisheriges Essverhalten nicht (normal) und setzt voraus, dass Sport ein Hobby von mir ist. Denn es gibt ja Menschen, für die Sport ein Hobby ist, aber zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Sport ist für mich Arbeit, etwas mehr, dass ich muss und nicht will, Zeit, die nicht mir gehört. Er hält mich davon ab, endlich genug zu schlafen, an meinen Sprachen zu arbeiten, Bücher zu lesen, zu schreiben.

Ich sollte mir aber aus gesundheitlichen Gründen Sport antun, heisst. Gut für den Blutdruck, den Kreislauf, das Herz, etc. Aber eigentlich sind diese Faktoren nebensächlich. Normal- und Untergewichtige heucheln oft Interesse an unserer Gesundheit, gerne auch mit einer Zigarette in der Hand. Man nennt das „Concern Trolling„, also den Ansatz, uns Fette runter zu machen aus „Besorgnis“ um unsere Gesundheit. Newsflash: mein körperlicher Zustand geht nur mich und meine Ärztin was an, und meine Werte werden regelmässig kontrolliert. Danke der Nachfrage, es geht mir gut.

Wobei an dieser Stelle kurz erwähnt sei, dass auch Mediziner, die es eigentlich besser wissen sollten, gerne mal das Gewicht als Standard-Problem für sämtliche gesundheitlichen Ausnahmezustände betrachten. Asthma? Wegen Übergewicht. Hautausschlag? Keine Ahnung, vermutlich weil fett. Pfeil im Kopf? Ich sollte abnehmen.

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Seems legit.

Fazit: Ich werde nicht „irgendwann einmal“ drei Jahre auf Diät gehen und die 40 überflüssigen Kilo abnehmen. Ich werde mich nicht noch einmal vier mal die Woche im Gym knechten, wenn ich statt dessen noch eine Sprache lernen kann. Und ich werde mich sicher keiner Magen-Bypass-Operation unterziehen, nur, damit ich Gewicht verliere. Es sieht also aus, als wäre das die Form, in der ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Und jetzt, da ich diesen Fakt etabliert habe, kann ich Konsequenzen ziehen.

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Für unsere White Sensation Party neulich.

Wie ich andernorts schon erwähnt habe, werde ich den Bauch nicht mehr einziehen, ‚cause I ain’t foolin‘ nobody. Ich trage die Kleider, dich ich will. Oh, fette Frauen dürfen also keine Crop Tops und Hot Pants tragen? Das werden wir noch sehen. Keine Querstreifen? Ha, watch me.

Ich werde nicht länger warten mit neuen Tättowierungen, bis ich irgendwann einmal eine modekonforme Figur habe. So, wie ich jetzt aussehe, hat der/die Tättowierer/in auch mehr Platz, um sich zu entfalten.

Ich werde tragen, was mir gerade einfällt. Was ich gut finde. Die oben erwähnten Hotpants und Bikinis. Ich sehe sowieso öfters etwas unkonventionell aus, und Menschen, die damit nicht leben können, haben bekanntlich die Möglichkeit, woanders hinzuschauen.

Ich werde mich nicht mehr dafür entschuldigen, Platz einzunehmen. Nicht im Bus, wo mein Arsch breiter ist, als der dafür vorgesehene Sitz, und nicht auf der Rolltreppe, wo man trotz meiner Form easy an mir vorbei kommt, wenn man nicht die Gelegenheit zu nutzen versucht, mich im Vorbeigehen zu fat-shamen.

Aber vor allem werde ich meinen Körper lieben. Das ist ein langer Weg, nach Jahrzehnten von Indoktrination, dass alles daran falsch ist, aber das wird schon. Babysteps. Ich habe ja noch Zeit.

Ich gehe mir jetzt ein Glacé und Hotpants kaufen.

SHHJ8782

4 Gedanken zu “Ich bin fett.

  1. Rita schreibt:

    Sehr toller Text! Ich spüre die Kraft und Klarheit, die da ist, nachdem du all diese Schichten der sozialen Konditionierung abgeworfen hast. Bis schliesslich zum: „WTF, ICH bestimme über mein Leben und niemand anders“. Lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen. Danke!

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