Das fette Leben: Relativität

Neulich hat eine gute Freundin von mir zum heiteren Kleidertausch geladen. Was eine absolut tolle Idee ist: man findet gratis was Neues zum anziehen, und wird mit etwas Glück von dem eigenen Zeug, das man seit grob geschätzt 800 Jahren nicht mehr getragen hat, etwas los. Soweit, so gut. Aber natürlich kann unsereins da nicht einfach so auftauchen, weshalb ich dann im Vorfeld schon gefragt habe, ob sie dann auch andere fette Frauen eingeladen hätte. Sonst sind meine Optionen stark eingeschränkt, da in die Hose, die die entsprechende Freundin trägt, höchstens mein linker Arm reinpasst. Mir wurde zugesichert, dass ausreichend Kleider für mich vorhanden sein würden.

Und das waren sie! Ich habe, zu meiner grossen Freude, vier neue Oberteile und ein Paar Hosen. Sogar von meinen Kleidern ist was weggegangen, natürlich hauptsächlich Zeugs, das mir sowieso hoffnungslos zu klein war. Ihr kennt diese Sorte Kleider: die „eines Tages“ Kleider. Solche habe ich eigentlich schon lange keine mehr, diese hier waren die letzten Überlebenden. Nachtrauern tue ich nur den schwarzen Leggings mit dem goldfarbenen Barock-Druck drauf, aber diese sind zum Glück nun in guten Händen.

Als wir da so zusammensassen, inmitten von Haufen von Textilien und grosszügig mit Tee und Guetsli versorgt, kamen wir auf die Sache mit den Kleidergrössen zu sprechen. Und da fiel mir diese Geschichte ein, die ich zwar geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe. Nun denn, wertes Publikum: Es war einmal in München.

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Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung

Wir hatten letzten Sonntag mal wieder eine Abstimmung, und ihr könntet euch gefragt haben, warum ich dazu nichts geschrieben habe. Deshalb Klartext: ich habe nichts geschrieben, weil ich zu müde war. Politikmüde. Aber Politikmüdigkeit ist das eine Ding, das man sich nun mal nicht erlauben kann, denn damit rechnen sie: sie wollen uns erschöpfen, bis wir nicht mehr gegen ihre Flut von Initiativen ankommen. „Sie“, das ist die SVP, die schweizerische Volkspartei, die die Stimme des Volks nur dann respektieren kann, wenn sie der ihrigen entspricht.

Direkte Demokratie ist eine der grössten Errungenschaften unseres Landes. Ich bin nicht nur stolz darauf, ich bin auch extrem dankbar dafür. In keinem anderen Land hat das Volk so viel Einfluss auf das politische Geschehen wie in der Schweiz. Und wenn mir jetzt wieder jemand damit kommen will, das sei alles nur Schein, und in Wirklichkeit haben unsere Stimmen gar kein Gewicht, dann kann ich nur lachen. Ohne direkte Demokratie wären unsere Bundesbahnen privat, und die Schweiz ein Teil der EU.

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Das mit dem Small Talk

Ich finde sie immer wieder in den Social Media, diese Memes zu Small Talk, die in etwa so funktionieren:


Ich hasse Small Talk! Ich will über das Leben reden und den Tod! Über Wissenschaft, Politik und Religion! Über Musik und die Dinge, die uns tief berühren und bewegen! Ich will kein oberflächliches „wie geht’s?“, ich will wissen, was der Sinn des Lebens ist und was dich nachts wach hält.


Dann gehen Leute, die sowas posten, oft dazu über, sich selbst als introvertiert zu bezeichnen. Sie sind interessiert an „tiefgründigen“ Leuten und Gesprächen. Natürlich verabscheuen sie Oberflächlichkeit. Natürlich. Leider haben sie dabei vollkommen verpasst, worum es bei Small Talk geht. Dieser ist nämlich nicht weniger als ein Indikator dafür, wie gesellschaftsfähig eine Person ist. Davon, dass es dich nicht interessiert „wie’s mir geht“ wollen wir gar nicht erst anfangen.

small talk by xkcd

Diese Leute. Die hat man gerne an Parties. (c) XKCD

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Ein bisschen schwul

Meine Damen*, Herren* und Enbies, im reifen Alter von 43 Jahren habe ich mir heuer meinen allerersten Sonnenbrand geholt. Einige weisse Menschen haben mich zwar inzwischen darauf hingewiesen, dass das bisschen Rot mitnichten mit ihren Erfolgsgeschichten von wegen Brandblasen und Spitalaufenthalten mithalten könne, ich fand es aber trotzdem eine bemerkenswerte Erfahrung.

Portrait der Autorin

Vorher

Und das kam so: Am zweiten Juniwochenende war Pride in Zürich! Yay! Regenbögen und Glitzer, Federn und Seifenblasen! Wie kann so etwas Schönes und Buntes immer noch so politisch sein? Naja. Wie könnte es nicht?
Jedenfalls schien uns die Sonne aus dem Arsch, und im Himmel hing sie auch ganz glorreich. In meiner Euphorie, und in ein hübsches weisses Kleidchen gekleidet (Nahret, benutz mal Thesaurus, echt jetzt), nahm ich nur peripher war, dass ich ca. dreieinhalb Stunden in direktem Sonnenlicht durch die Stadt gewandert war. Und so war ich dann am Abend ein bisschen rot. Nein, es tat nicht weh, aber es war aso bitzeli warm. Ich habe mir Sonnencrème gekauft.
Der Marsch war fantastisch. So viele Leute! Die Route war sogar etwas zu kurz berechnet, da die Organisation nicht mit solch zahlreicher Teilnahme gerechnet hatte. Alles war schön. Die Leute, die Stimmung, das Wetter, das Leben.

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Life in a Postfactual World

diada-de-cataluna_001This is an old piece that I wrote half a year ago and then never published. But since today is the Diada de Catalunya, the Catalan national holiday, I thought, you know, why not. And while the piece was triggered by the Catalan situation (honestly, back then what wasn’t?), it applies to all instances where news are presented.

It’s a funny thing, really. One of the posts that came my way on Facebook after the referendum last year was one about how „fake news“ – out of Russia, as per usual – had instigated the people of Catalonia to push for independence. This, of course, to destabilise Europe. Now, when I say funny, I really mean „what the fuck is wrong with people?“, but for the sake of argument, I’ll play.

Have fake news pushed the Catalans towards independence?

I would argue that yes, they have. Mostly the fake news of the mainstream press in the 90s, who quoted then-president José María Aznar and his eternal, mantra-like „España va bien“, Spain is doing fine, when Spain was not, in fact, doing fine. Spanish mainstream press, and the government-owned television station have to be some of the least objective sources of „news“ I’ve ever encountered.

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Die Abstimmung vom 23. September 2018

Also eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes schreiben, aber dann habe ich meine Abstimmungsunterlagen bekommen, et voilà, dann muss ich da wohl oder übel darauf eingehen. Und das, obwohl es noch gar nicht um die unsägliche Selbstbestimmungsinitiative der SVP geht, die kommt nämlich erst im November. Oh boy. Das wird dann auch wieder so ein ellenlanger Text.

Aber zur Aktualität. Bisher sind 63 Worte geschrieben, und ich bin guter Dinge, dass ich mich kurz fassen kann, da völlig offensichtlich ist, was die Logik gebietet. Zumindest ist das jeweils meine Wahrnehmung, aber vergangene Abstimmungsresultate haben mich mehrfach eines Besseren belehrt. An die Arbeit.

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Grundkurs Politik: Die Liberalen

Das Wort „liberal“ klingt ja eigentlich super. Da ist der lateinische Wortstamm für „Freiheit“ drin, und Freiheit finden wir alle gut. Aber wovon, genau, will uns der Liberalismus denn befreien? Darin liegt des Pudels Kern: wir sollen befreit werden von Zwang durch staatliche Gewalt. Ist eigentlich auch noch ganz peachy, wir wollen ja, so als Menschen, grundsätzlich keinen Zwängen unterworfen sein. Und zum Zeitpunkt seiner Entstehung war eine Haltung von Misstrauen gegenüber dem Staat auch durchaus gerechtfertigt: der Ursprung der Bewegung ist in der Aufklärung zu finden, da also, wo das rationale, wissenschaftliche Weltbild seinen Anfang genommen hat.

Ein bisschen Geschichte

Als Ende des Mittelalters gilt allgemein das Zeitalter der Renaissance, als wir uns auf die Errungenschaften der Antike (das römische Reich, Griechenland, Ägypten) zurückbesannen. Etwas, das die Antike auszeichnet, ist, dass sie vor der Verbreitung des Christentums stattfand, und von dessen Einschränkungen daher nicht betroffen war. Es ist noch nicht das Ende der Königshäuser, aber es tritt ein langsamer Wandel ein, der von den oft kirchlich gestützten Monarchien weg zu den Demokratien der Neuzeit führt. Tatsächlich benötigt der vollständige Übergang noch einige Jahrhunderte und die eine oder andere Revolution, aber der Grundstein ist gelegt. Auch in der Kirche gibt es eine Revolution: die Reformation stellt die gesamte Struktur der Kirche und des Glaubens in Frage. Heraus kommt die Kluft zwischen dem althergebrachten Katholizismus und dem Protestantismus, der vor allem die Möglichkeit, sich von der Kirche Vergebung zu erkaufen, in Frage stellte. Ganz allgemein ging es bei diesen gesellschaftlichen Veränderungen um die Macht, die von den etablierten Kräften – Könige und Kirchen – zum gemeinen Volk übergehen sollte.
Es dauert noch einmal mehr als hundert Jahre, bis wir um ca. 1700 in der Aufklärung ankommen. Dort wird nun Klartext gesprochen: einzig die Vernunft soll urteilskräftig sein, ohne Rücksicht auf veraltete Vorstellungen von Religiosität und Tradition. Als Folge in ultimativer Konsequenz der Bewegung können die amerikanische und die französische Revolution angesehen werden. Aus dieser Zeit stammt auch der Keim des späteren Liberalismus. Grundsätzlich also gar nicht so verkehrt, könnte man sagen.

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