Adventures in Dateland: Fiktive Männer sind besser

Ich schreibe im Moment nicht so fleissig, was bekanntlich weniger daran liegt, dass ich nichts zu sagen hätte, und mehr daran, dass alles doof ist. Die Welt, wertes Publikum, ist gerade etwas schwierig. Ein Twitterer hat es auf den Punkt gebracht: „Es ist anstrengend, dauernd wütend zu sein, aber es scheint moralisch unverantwortlich, es nicht zu sein.“ Dieser Mann wird dereinst sicher als grosser Philosoph des frühen 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen.

Ich könnte auch wetten, dass der Mann bereits gebunden ist. Denn das ist gerade mein Problem, hier in Dateland: die Guten sind schon weg. Woher ich das wissen will? Ganz einfach, ich finde ja die Anderen.

Man kennt diese Wehklage, insbesondere von hetero- oder bisexuellen Frauen: die guten Männer sind bereits in einer Beziehung, denn keine halbwegs vernünftige Frau würde einen der Guten verlassen oder so. Und mit „gut“ meine ich nicht „langweilig“, sondern eben gut. Langeweiler, die sich für die Guten halten gibt es tonnenweise; in Shania Twains Worten: that don’t impress me much. Ich zitiere sie überraschend häufig in Beziehungsfragen. Vielleicht sollte mir das zu denken geben.

Aber was, bitte schön, ist denn ein guter Mann überhaupt?

Your mileage may vary. Soll heissen, das ist natürlich eine individuelle Frage. Wir haben ja alle im Hinterkopf so ein bisschen eine Einkaufsliste von Eigenschaften, die dabei sein müssen, damit das Gesamtpaket stimmig ist. Natürlich habe ich mich sogleich aufgemacht, eine repräsentative und wissenschaftlich anerkannte Liste der Eigenschaften zu finden, die für Frauen interessant sind. Und wen sollte ich da zu Rate ziehen, wenn nicht Men’s Health!

Also, Ladies, aufgepasst: Hier kommen die wichtigsten Merkmale, auf die Frauen laut einer geradezu wissenschftsähnlichen Studie achten.

Rang Äusserlichkeiten Innere Werte
1 Augen Humor
2 Duft Zuverlässigkeit*
3 Stimme Intelligenz*
4 modische Kleidung gute Manieren*
5 trainierter Körper Pünktlichkeit
6 Hände

Für einen sechsten inneren Wert scheint es nicht gereicht zu haben. Ist ja auch schwierig. *, übrigens, weil die drei Merkmale gleich wichtig gewertet wurden, die Reihenfolge hier ist also mehr zufällig. Ich habe danach den Fehler gemacht, auch noch auf den Link zu klicken, der uns erzählt, worauf Frauen schauen, wenn sie einen Mann zum ersten Mal nackt sehen. Die Reihenfolge ist offenbar Bauch – Brust – Penis – Gesicht – Hintern. Dazu gibt es Folgendes zu sagen: es ist logistisch nicht wirklich möglich, Gesicht, Brust und Bauch zur gleichen Zeit zu sehen wie den Hintern. Ausser man ist eine weibliche Superheldin auf einem Comic-Heftchen. Und natürlich schaue ich zuerst auf den Penis und erst dann wieder ins Gesicht. Unter normalen Umständen kenne ich das Gesicht zu diesem Zeitpunkt ja bereits.

Was mich ein bisschen tragisch berührt sind die Tipps, die Men’s Health den Männern sogleich gibt, um besser auszusehen für diese Musterung: Sixpack zulegen, Penis unter Wasser offenbaren, von wegen Lupeneffekt. Nein, wirklich, das steht da so.

Auf der Suche nach noch mehr, ähm, Weisheit, fand ich auf einer Website für Männer („Frau verführen: Frauen anmachen und ins Bett kriegen“) diese Erkenntnis, die sich mir bis anhin nicht offenbart hatte: „Sie lieben alles an uns…. vorausgesetzt wir tun es MÄNNLICH.“ Ja, das mit den Grossbuchstaben war schon so. Jä guet. Leider fand ich keine weitere Anleitung dazu, wie man MÄNNLICH seine Steuererklärung ausfüllt, MÄNNLICH Bücher liest, oder MÄNNLICH Tram fährt. Obwohl zu Letzterem inzwischen ein nützliches Video mit Jason Momoa vorliegt.

Sie liegen nicht völlig falsch

Also, die mit dem MÄNNLICH schon. Aber Men’s Health ist nicht vollkommen daneben, ausser beim Body Shaming. Ich meine, wenn wir von Gleichberechtigung sprechen, meinen wir damit nicht, dass sich jetzt die Männer auch wegen ihrer Form schämen müssen. Und so schadet das Patriarchat uns allen. Aber dazu ein andermal. Zurück zur Liste: diese Werte sind vermutlich ziemlich nah an der Realität. Nur handelt es sich nicht zwingend um Dinge, die wir nur in Partnern suchen, sondern allgemein in den Menschen, die uns umgeben. Während mir egal ist, wie sich meine Mitmenschen anziehen, wage ich zu behaupten, dass niemand unzuverlässige Leute mag, die übel riechen. Und je näher man einem Individuum kommt, desto mehr weiss man zu schätzen, dass ein gesundes Mass an Hygiene praktiziert wird.

Humor ist eine meiner Ansicht nach unterschätzte und missverstandene Tugend. Unterschätzt, weil Menschen erst dann merken, wie wichtig sie ist, wenn sie einem völlig humorbefreiten Individuum gegenüberstehen. Insbesondere schlimm sind Leute, die nicht über sich selbst lachen können. Andererseits missverstehen gerade Männer die Essenz von Humor gerne und sind in der Folge zwanghaft lustig. Es ist ja auch ein bequemer Mechanismus, um sich nicht mit Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Ich sage hier „Männer“, weil diese immer noch so sozialisiert werden, dass Gefühle nicht ausgedrückt werden können. Ich möchte an dieser Stelle auch erwähnen, dass ich meinen Ex nicht zuletzt wegen seines ständigen Kalauerns verlassen habe.

really muggy
mug = Tasse, muggy = schwül. Oder eben „tassig“, wenn es denn ein solches Wort gäbe.

Fiktive Männer sind besser

Aber zurück zum eigentlichen Problem. Verschiedene Dating Apps führen mir vor Augen, dass das Angebot da draussen nicht gerade berauschend ist. Wann sind Menschen so langweilig geworden? Warum seid ihr alle an irgendeiner Bergwand angeseilt? Und wieso ist da ein Foto von deinem Auto?
Weshalb ich dem Ruf einer gezielten – und diesmal extrem treffenden – Facebook-Werbung gefolgt bin und so auf Otome Games gestossen bin. Otome Games sind interaktive Liebesgeschichten. Dabei ist die Interaktivität je nach Geschichte mehr oder weniger begrenzt, die Entscheidungen, die man treffen kann führen aber zu zum Teil sehr verschiedenen Endkapiteln. Als Leserin von Regency Historical Romance Romanen und  Freundin von allgemein leichter Unterhaltung sah ich mich also durchaus angesprochen. Wenn man dann noch meine Liebe zu Japan dazu nimmt, wird eine einfache Rechnung draus. Ich hatte also ein neues Hobby gefunden. Über die Nuancen und Variationen könnte ich mich hier natürlich lang und breit auslassen, aber das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Daher habe ich der Sache gleich eine ganze Website gewidmet: otome.ch.

Diese Otome Games haben mir allerdings dabei geholfen, meine eigene Liste von Ansprüchen ein bisschen zu verfeinern. Sie haben sogar ein paar Aha!-Momente zutage gefördert. Hier meine bahnbrechenden Erkenntnisse:

  • Ja, ich suche mir als erstes tendenziell die Arschlöcher aus. Nicht so sehr, weil ich auf Arschlöcher stehe, sondern weil sie die Charaktere sind, die normalerweise mit einem gesunden (oder übertriebenen) Selbstbewusstsein daher kommen. Warum ist das wichtig? Weil ich selbst auch so eines habe. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl können dem nicht standhalten. Natürlich muss man dann auch die Substanz – sprich, Intelligenz – haben, um das Ego zu rechtfertigen.
  • Konfrontative, dominante Charaktere sind mir ca. 100’000’000 mal lieber als „Puppenspieler“, also manipulative Charaktere. Die paar mal, wo ich solche Geschichten gelesen habe, ist mir tatsächlich fast ein bisschen schlecht geworden. Warum ist das wichtig? Streiten ist okay, muss aber natürlich irgendwo konstruktiv sein. Manipulation geht nie. Da bin ich beim ersten Anzeichen weg. Passiv-aggressives Verhalten ist auch schwierig.
  • Die tiefen, stillen Wasser sind normalerweise meine zweite Wahl, würden mich aber im Leben wahnsinnig machen. Das sind normalerweise die, aus denen man keine gerade Antwort raus kriegt, ausser einer von uns beiden schwebt in Lebensgefahr. Warum ist das wichtig? Kommunikation ist alles. Man muss vom Partner/der Partnerin nicht alles wissen, aber wichtige Eckpfeiler der Beziehung müssen besprochen werden. Das geht übrigens in beide Richtungen. Frauen werden so erzogen, dass wir keine Bedürfnisse formulieren dürfen/können, und hoffen in der Folge, dass Männer Gedanken lesen. Woraufhin Männer nicht sozialisiert werden. So wird das nie was.
  • Mein Lieblingscharakter ist ein anscheinend humorloser Tüpflischiisser. Ich weiss, ne, bitte was? Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass er mitnichten humorlos ist, aber er ist sehr diszipliniert und hat kein Verständnis für Ineffizienz. Warum ist das wichtig? Ich denke, hier sucht mein Yin einfach ein passendes Yang. Ich bin vermutlich das Gegenteil von diszipliniert, und vielleicht täte mir so jemand gut. Worauf es wohl abzielt ist, dass ich es leid bin, die Erwachsene in der Beziehung zu sein. Es wäre schön, mal mit jemandem zusammen zu sein, der seinen Shit im Griff hat.
  • Ich hasse Clowns. Deshalb sind die spassigen Charaktere nicht wirklich interessant für mich – bis auf diesen einen. Warum ist das wichtig? Weil dieser eine spezifische Charakter einen wahnsinnigen Enthusiasmus für das Leben mitbringt. Er kann sich für alles begeistern – auch für mich. Mir ist gar nie aufgefallen, wie toll das ist, wenn jemand so viel Freude ausstrahlt. Übertreibt er? Zwingend. Aber da muss man ihn halt hin und wieder drauf hinweisen.

Und was habt ihr jetzt davon?

Na, eine konkrete Lösung für das Problem ergibt sich hier nicht. Wenn überhaupt werde ich nur noch wählerischer. Was ich hier gewonnen habe ist Einsicht in meine Bedürfnisse. Fiktive Charaktere sind nicht so komplex und widersprüchlich wie richtige Menschen, weil sie konzeptionell entstehen. Sie sind oftmals mehr Archetypen als richtige Menschen. Das vereinfacht eine Analyse unserer Reaktionen auf sie.  In diesem Fall haben diese virtuellen Partner mir geholfen, zu begreifen, wie und warum ich auf Dinge anspreche oder eben nicht. Das ist sicherlich bei jeder Sorte Fiktion, die ich konsumiere, so, aber hier sind die Geschichten schnell gelesen (plus/minus zwei Stunden) und können daher in rascher Abfolge konsumiert und dann verglichen werden. Mein Fazit ist nicht, dass ihr jetzt alle Otome Games lesen müsst. Aber ich kann nur jeder und jedem empfehlen, sich einmal zu überlegen, warum Lieblingsfiguren in Büchern und/oder Filmen Lieblingsfiguren sind. Finden wir dadurch nun plötzlich Gold in den Dating Apps? Nein. Aber vielleicht lassen sich so die ganz schlechten Entscheidungen vermeiden. Um RuPaul zu paraphrasieren: wenn du dich selbst nicht kennst, wie zur Hölle willst du dann jemand anderen verstehen können?

can I get an amen
AMEN!

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