Grundkurs Politik: Die Liberalen

Das Wort „liberal“ klingt ja eigentlich super. Da ist der lateinische Wortstamm für „Freiheit“ drin, und Freiheit finden wir alle gut. Aber wovon, genau, will uns der Liberalismus denn befreien? Darin liegt des Pudels Kern: wir sollen befreit werden von Zwang durch staatliche Gewalt. Ist eigentlich auch noch ganz peachy, wir wollen ja, so als Menschen, grundsätzlich keinen Zwängen unterworfen sein. Und zum Zeitpunkt seiner Entstehung war eine Haltung von Misstrauen gegenüber dem Staat auch durchaus gerechtfertigt: der Ursprung der Bewegung ist in der Aufklärung zu finden, da also, wo das rationale, wissenschaftliche Weltbild seinen Anfang genommen hat.

Ein bisschen Geschichte

Als Ende des Mittelalters gilt allgemein das Zeitalter der Renaissance, als wir uns auf die Errungenschaften der Antike (das römische Reich, Griechenland, Ägypten) zurückbesannen. Etwas, das die Antike auszeichnet, ist, dass sie vor der Verbreitung des Christentums stattfand, und von dessen Einschränkungen daher nicht betroffen war. Es ist noch nicht das Ende der Königshäuser, aber es tritt ein langsamer Wandel ein, der von den oft kirchlich gestützten Monarchien weg zu den Demokratien der Neuzeit führt. Tatsächlich benötigt der vollständige Übergang noch einige Jahrhunderte und die eine oder andere Revolution, aber der Grundstein ist gelegt. Auch in der Kirche gibt es eine Revolution: die Reformation stellt die gesamte Struktur der Kirche und des Glaubens in Frage. Heraus kommt die Kluft zwischen dem althergebrachten Katholizismus und dem Protestantismus, der vor allem die Möglichkeit, sich von der Kirche Vergebung zu erkaufen, in Frage stellte. Ganz allgemein ging es bei diesen gesellschaftlichen Veränderungen um die Macht, die von den etablierten Kräften – Könige und Kirchen – zum gemeinen Volk übergehen sollte.
Es dauert noch einmal mehr als hundert Jahre, bis wir um ca. 1700 in der Aufklärung ankommen. Dort wird nun Klartext gesprochen: einzig die Vernunft soll urteilskräftig sein, ohne Rücksicht auf veraltete Vorstellungen von Religiosität und Tradition. Als Folge in ultimativer Konsequenz der Bewegung können die amerikanische und die französische Revolution angesehen werden. Aus dieser Zeit stammt auch der Keim des späteren Liberalismus. Grundsätzlich also gar nicht so verkehrt, könnte man sagen.

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Papierlischwiizer

Herzlichen Glückwunsch, Schweiz, zu 727 Jahren! So ein bisschen zur Einstimmung auf unsere Bundesfeier haben wir ja im Juli mal wieder diskutiert, wer denn eigentlich SchweizerIn ist. Denn im Juli, ja, da war WM.

Diese WM hätte das Potential gehabt, mehr und fundierter zu reden zu geben als irgendeine andere der letzten zwanzig Jahre. Denn nicht nur kann Fussball an und für sich wahnsinnig problematisch sein, auch der Austragungsort hat es in sich. So brüstete sich zum Beispiel eine örtliche Bäckerei-Kette mit den vor ihren Läden hängenden Schildern: „Schwuchteln raus“.

Problematisch ist Fussball, weil gerade die Situation mit dem Nationalstolz im Moment eher schwierig ist. Die einen wollen Amerika wieder great machen, die anderen wählen Nazis in die Regierung. Wo man hinschaut ist das Volk nach rechts gerutscht. Offen darüber zu sprechen, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen ist nicht mehr tabu, schliesslich sind das ja unsere Steuergelder und so. Überall so ein bisschen unschön. Natürlich musste man auch bei uns nicht lange warten, bis sie aus ihren Löchern gekrochen kamen: die besseren SchweizerInnen, die EidgenossInnen.

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Die Jurafrage

Ich habe ja bekanntlich starke Gefühle hinsichtlich des katalanischen Unabhängigkeitbegehrens. So stark, dass ich mich zuweilen unfähig sah, diese kohärent zu Papier zu bringen. Als ich die Bilder aus Barcelona und Umgebung zum ersten Mal sah, musste ich weinen. Dann habe geflucht, verflucht, mehr geweint. Ich zitiere äusserst selten und genauso ungern die „Zeitung“ Blick, und doch brachten sie es hier auf den Punkt: „Spanien prügelt die Demokratie nieder“ (oder sinngemäss) titelte das Blatt am Tag danach. Und ich bin auch weiterhin der Ansicht, dass es das war, was bei mir dieses unfassbare Ausmass an Entsetzen auslöste:

Man verweigert Menschen nicht den Gang an die Urne.

Es ist, vermutlich für Schweizer/innen mehr als für Leute, die nicht ganz so oft zu den Abstimmungslokalen gerufen werden, ein unaushaltbarer Affront, wenn einem Volk eine friedliche Abstimmung verwehrt wird. Wir wissen, welche Länder sowas tun: Bananenrepubliken, Diktaturen, Leute, die von der UNO Wahlbeobachter zur Seite gestellt bekommen. Und ehrlich gesagt ist es egal, ob die Abstimmung „legal“ war oder nicht; Spanien hätte sie als das sehen können, was sie war: eine Befragung, eine Gelegenheit zur Meinungsäusserung ohne rechtlich bindende Folgen, eine simple Grundlage für den weiteren Dialog. Mit dem Einsatz der Guardia Civil, der spanischen Militärpolizei, die die Urnen konfiszierte und die Menschen zum Teil nicht gerade zimperlich von den Abstimmungslokalen fernhielt, hat sich Spanien als weder willens noch fähig zu ebendiesem gezeigt.

Es waren emotionale Gespräche, die in der Folge geführt wurden. Die Bilder, die mich mit ihrer Brutalität aufgewühlt haben, sie haben mich tief getroffen. Nicht so auf der anderen Seite; es gibt sie durchaus, die Bewohner/innen Spaniens, die sich mehr Blut und Tränen gewünscht hätten, weil es die Katalan/innen nicht anders verdient hätten. Mir wurde in der Folge dann auch vorgeworfen, dass ich als Ausländerin nicht verstünde, worum es geht. Was würde ich tun, was würde ich fühlen, wenn ein Teil meines Landes sich abspalten wollte? Dann benutzte zu allem Überfluss noch irgend so ein Individuum auf Quora die schweizerische Gesetzgebung als Beispiel eines Landes, das keine Teilung vorsieht. Ich fühle mich berufen, ein bisschen etwas klarzustellen. Denn erfreulicherweise muss ich nicht raten, was wir als Nation tun würden, in so einer Situation; was wir getan haben, als es um so eine Sache ging, ist gut dokumentiert.

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Der grosse Kanton und wir: How to Deutsch in der Schweiz

Die Deutschen. Sie sind das Gegenteil unserer Lieblingsausländer/innen. Es ist ein ganz besonderes Verhältnis zwischen der Schweiz und unseren deutschen Immigrant/innen. Niemand sonst hat bessere Voraussetzungen, sich nahtlos zu integrieren, und niemand sonst ist unfähiger – oder unwilliger – diese umzusetzen.

Eine Geschichte voller Missverständnisse

Heidi aus dem japanischen Anime.

Die Schweiz aus japanischer Sicht.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man in Deutschland denkt, dass die Schweiz grundsätzlich aussieht wie bei Heidi. Das ist natürlich nicht völlig daneben, aber, gelinde gesagt, ein nicht ganz vollständiges Bild. Die Schweiz hat nur etwa 10% der Einwohner/innen Deutschlands, was uns sehr wohl handlich und überschaubar macht. Da wir nicht wahnsinnig viele Leute sind, sind unsere Städte vergleichsweise klein. Aber wie Winston Churchill schon sagte, die Grösse eines Volkes leitet sich so wenig von der Einwohnerzahl ab, wie die Grösse eines Menschen an dessen Statur festgemacht werden kann. Zumindest denke ich, er habe das gesagt. Ich finde das Zitat gerade nicht wieder. Unrecht hat der Mensch nicht. Schlussendlich geht es aber nicht so sehr um unsere Grösse, sondern um den Irrtum, wir seien wie Deutschland, einfach in klein.

Anmerkung: Wenn ich in der Folge von Deutschen und Schweizer/innen spreche, dann meine ich alle die Menschen, die in diesen Ländern aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, unabhängig von Genetik oder Nationalität. Nurture > Nature.

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Die Frage nach der Identität

Gerade letzte Woche habe ich mich darüber ausgelassen, wie sehr ich es hasse, nach meiner Herkunft befragt zu werden. Beim Schreiben jenes Posts ist mir aufgefallen, dass die Thematik viel verzwickter ist, als ich im ersten Ärger – machen wir uns nichts vor, Ärger ist in 90% meiner Posts die treibende Kraft – erfasst hatte. Als gemischtrassiger Mensch aufzuwachsen stellt einen gerne vor Probleme, die man zum Beispiel als Kind von Eltern der gleichen Nationalität so nicht kennt. Denn als Kind ist eine Frage sehr zentral: wo gehöre ich eigentlich hin?

Man kann der Verpackung nicht alles glauben.

Mein Aussehen ist kulturell nicht eindeutig, oder zumindest war es das nicht, als ich noch jünger war. Das hat weniger mit mir zu tun als mit der Weltgeschichte, die meine sichtbare Ethnie in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt hat. Wenn meine Physiognomie dereinst nur für andere Araber/innen und für Franzosen/Französinnen eine eindeutige Zuordnung zuliess, weiss inzwischen auch der Rest der Welt in etwa, wie „diese Leute“ aussehen. „Diese Leute“ sind heutzutage Flüchtlinge, Terroristen oder beides. Entsprechend weckt mein Äusseres Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann (oder will). Gerade eben, vor ca. 40 Minuten, bin ich wieder angesprochen worden. Ein Mann ging an mir vorbei, drehte sich zu mir um und sagte: „Assalamu alaikum.“ Ich nickte zum Gruss, und er fragte, „arabiya?“, also ob ich Araberin sei. Da ich gerade nicht in Stimmung war, meine ganze Familiengeschichte auszubreiten, sagte ich nein. Und während das nicht ganz richtig ist, ist es auch nicht falsch, denn meine Basisprogrammierung ist nun mal nicht arabisch. Zum Beispiel:

  • Ich bin Protestantin, nicht Muslimin.
  • Ich spreche kein Wort Arabisch.
  • Religionen, die keinen Speck zulassen, sind für mich ungeeignet.
  • Ich bin ein Bünzli.
  • Ich habe kein „südländisches Temperament“.
  • Ordnung ist wichtiger als „Lebensfreude“.
  • Was auch immer du da tust, tu es leise.

Eine amerikanische Bekannte, der ich neulich Hilfe beim Umgang mit der Schulleitung ihrer Kinder angeboten hatte, sagte nach einem kurzen Abriss meines Lebens: „Oh mein Gott! Du bist ja richtig von hier! Du bist effektiv eine Schweizerin!“ Da wir uns an einem Treffen für farbige Frauen kennengelernt hatten und uns ausschliesslich in Englisch unterhielten, nehme ich ihr ihre Überraschung nicht übel. Natürlich ist das aber auch die Wahrheit: ich bin hier aufgewachsen, ich kenne nichts anderes. Ich bin, kulturell gesehen, Stadtzürcherin.

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Aber woher kommst du wirklich? 

Ich wurde in der Maternité des Stadtspitals Triemli geboren und bin in einem Haus aufgewachsen, dass sich 450m (Luftlinie) davon entfernt befindet. Mein Kindergarten war vom Küchenfenster aus sichtbar, ebenso meine Sekundarschule (also, vom Balkon aus). Mein Primarschulhaus stand – 370m von meinen Wohnhaus entfernt – direkt hinter der Kirche, in der ich getauft worden war. Mit 14 Jahren bin ich ins Gymnasium gekommen, und musste erstmals mit den ÖV zur Schule, in den angrenzenden Kreis 2. Erst mit 28 bin ich von Wiedikon ans andere Ende der Stadt gezogen, nach Oerlikon. Wenn ich also gefragt werde, woher ich „wirklich“ komme, dann denke ich

Wiedike, Motherfucker, do you know it?

„Say ‚where‘ one more fucking time.“

Aber ich sage: „Us Wiedike. Werum?“

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