Von Quotenfrauen und Zauberformeln

Hallöchen! Wir haben ein dickes Couvert in der Post gehabt, und ich dachte, wir sprechen kurz darüber. Es sind nämlich Wahlen, spezifisch Nationalratswahlen. Die Wichtigen! Und anders als bei Abstimmungen, wo wir unsere Befindlichkeit in einem angenehm binären Ja/Nein-Modell ausdrücken können, muss man bei Wahlen an ein, zwei Dinge mehr denken. Daran, welche Partei unsere Wünsche am ehesten umsetzt, wer dabei potentiell am wenigstens von den grossen Lobbies geschmiert wird, kurz, wie repräsentiert wir uns von den zu Wählenden fühlen. Denn die, die wir da zu wählen ansetzen, sind sogenannte „Volksvertreter/innen“, also die Leute, die uns – das sogenannte „Volk“ – und unsere Bedürfnisse in der Regierung vertreten sollen. Dass es sich hierbei um einen Dienst am Menschen und weniger ums Ausleben des persönlichen Machtanspruchs der/des Einzelnen handelt, kann bekannterweise gerne mal vergessen gehen, vor allem, wenn der Herr von der Rüstungs-Lobby mit dem Geldköfferchen vorstellig wird.

Wen sollen die vertreten?

Na uns. Du weisst schon, das Volk, den Souverän. Und während alle von ihnen behaupten, dies zu tun, wissen wir aus Erfahrung, dass dem nicht in allen Fällen so ist. Alles, was wir also tun können, ist, uns zu informieren, wählen zu gehen und auf das Beste zu hoffen. Und während ich euch ja niemals würde vorschreiben wollen, wen ihr zu wählen habt, möchte ich euch, als Service Public praktisch, einige Vorschläge machen.

Ich meine, halte ich dich für einen schlechten Menschen, wenn du bürgerlich wählst? Natürlich.

Aber es muss ja nicht Jede/r als linker und netter Gutmensch durch die Welt gehen. Es gibt schlechte Menschen. Man muss nur den Mut haben, dazu zu stehen. Wenn du noch nicht sicher bist, ob du links, nett, oder eben nicht bist, kann ich dir nur nahelegen, bei Smartvote nachschauen zu gehen, wie es um dich steht. Dort findest du einen langen, langen Fragebogen, wo du deine Meinung zu Themen angeben kannst – wie bei Abstimmungen, und das beherrschen wir ja! – und am Ende bekommst du eine Liste mit Kandidierenden und Parteien, die am ehesten deine Ansichten teilen. Wenn dabei die SVP rauskommt, kannst du allerdings die Schuld nur bei dir selbst suchen.

screen shot from The Hunger Games: May the odds be ever in your favour.

Die Schweiz und die gerechte Verteilung

Hier ist es nun Zeit für einen kleinen Abstecher. Wisst ihr noch, wie letztes Jahr Bundesrat Schneider-Ammann und Bundesrätin Leuthard zurückgetreten sind? Da gab es ja viel Debatte um die Nachfolge. Wir Schweizer/innen stehen nämlich auf Proportionalitäten. Alle Kantone sollen im Parlament anständig vertreten sein. Im Nationalrat, indem jedem Kanton gemessen an seiner Bevölkerungszahl Sitze zugewiesen werden (deshalb hat Zürich 37 und Appenzell deren zwei), und im Ständerat, wo jeder Kanton zwei Sitze hat. Damit die kleinen Kantone von den grossen nicht dominiert werden, hat man sich damals gedacht. Dass die kleinen Kantone (sogenannte „Hinterwäldler“) auf diese Art die grossen knechten, ist Gegenstand einer anderen Diskussion, die wir mal noch führen müssen. Aber zurück zu unseren Quoten.

Quoten?!? Ja, Quoten. I said what I said. Was sind denn diese proportionalen Zuweisungen, wenn nicht Quoten? Ah, ich seh‘ schon. Wir müssen mal wieder Wörter erklären. Was, bitte schön, ist eine Quote?

Eine Quote ist eine Gliederungszahl. Gliederungszahlen gehören in der Statistik zu den Kennzahlen und geben den prozentualen Anteil einer Teilgrösse an der übergeordneten Gesamtgrösse an.

Mit anderen Worten, eine Quote determiniert, wie viele Sitze jedem Kanton im Nationalrat zustehen. Wenn gewählt wurde, werden die Stimmen ausgezählt, und jede Partei bekommt innerhalb eines Kantons die Anzahl Sitze zugesprochen, die ihrem prozentualen Anteil an abgegebenen Stimmen entspricht. Sie bekommt also die Sitze, die aus ihrer Quote folgen. So weit, so fair, oder?

Jetzt ist es aber so, dass sogar der Bundesrat, der ja aus sieben individuellen Personen besteht, auch so eine Art Quote beinhaltet. Diese ist absolut informell und nicht im Geringsten bindend: wir nennen sie die „Zauberformel“. Die Zauberformel entstand 1959 und hat sich – mit einem klitzekleinen Oopsie bei der SVP – auch gehalten. Sie schreibt ein 2:2:2:1 Verhältnis der vier stärksten Parteien vor, namentlich der SVP, SP, FDP und CVP. Wie gesagt, es steht nirgends geschrieben, dass wir das so machen müssen. Aber wir mögen halt diese Proportionalität, und deshalb halten wir uns daran. Naja, in aller Ehrlichkeit, wenn die CVP jetzt auf Bundesebene ihr Wahldebakel von verschiedenen Kantonswahlen wiederholt, dann ist ihr Sitz dort bald Geschichte. Mal luege.

Als es also um die Sitze von Doris Leuthard (CVP) und Johann Schneider-Amman (FDP) ging, war man sich einig, dass diese Parteien ihre Leute zur Wahl stellen konnten, aber mit folgender Bedingung: nur eine Person durfte aus der Deutschschweiz kommen, weil davon haben wir sonst zuviele. Wegen der Proportionalität. Schon gar nicht ein Zürcher oder Berner oder so. Wo das Geschrei aber so richtig losging, war, als jemand sich erdreistete, darauf hinzuweisen, es müssten eigentlich zwei Frauen sein.

Denn in der Schweiz, wo uns Proportionalität so wichtig ist, damit alle gerecht repräsentiert sind, lassen wir uns ganz sicher nicht so eine kommunistische Frauenquote aufdrücken!!!11!elf!!

Jaha, geil, oder? Für alles haben wir Quoten, aber wenn’s um Frauen geht, dann ist fertig lustig. Dann ist es linker Totalitarismus, überhaupt zu denken, dass wir angemessen vertreten sein müssten. Was angemessen wäre? Nun, lasst uns die Zahlen konsultieren!

Laut Bundesamt für Statistik lebten Ende 2016 4’173’437 Männer und 4’246’113 Frauen in der Schweiz. Also 72’676 mehr Frauen als Männer, was in etwa der Einwohnerzahl des Kantons Jura entspricht. Die wir mehr Frauen sind. Was, gemäss Zauberformel darauf hinauslaufen müsste, dass drei Männer und vier Frauen im Bundesrat sein müssten. Die Frauenquote ist dabei mathematisch sicher einfacher zu rechtfertigen als beispielsweise der Anspruch von Herrn Hans Wicki, seines Zeichens Ständerat aus dem Kanton Nidwalden, der findet, es sei Zeit für einen Nidwaldner Bundesrat. Nidwalden hat 42600 Einwohner, was 0,5% der Schweizer Bevölkerung entspricht, und sich somit in 3,5% eines Bundesrates niederschlagen würde. Dem Kanton Zürich stünde hingegen zu jeder Zeit eineinviertel Bundesrat zu.

Und als der Nidwaldner rein wollte, wurde das ganz ernsthaft debattiert. Aber eine Frauenquote? Niemals. Das wäre Faschismus. Mann kann ja nichts dafür, dass es zuwenige geeignete Kandidatinnen gibt! Und das, obwohl es wesentlich mehr Frauen gibt als Nidwaldner. Faszinierend. Hier kommt später mein Augenroll-Emoji hin.

Nun hatte es sich dann aber zufällig doch so ergeben, dass die besten Personen, die der CVP und der FDP zur Verfügung standen, Frauen waren. Reiner Zufall. Karin Keller-Sutter und Viola Amherd wurden gewählt, und jetzt sind es im Bundesrat vier Männer und drei Frauen. Jä guet.

Der Schweizer Bundesrat 2019
Der Bundesrat. Von links: Berset, Maurer, Sommaruga, Parmelin, Cassis (Quotentessiner), Amherd und Keller-Sutter

Was du besser machen kannst

Jetzt habe ich wieder mal nur von den Frauen gesprochen. Das liegt daran, dass ich vor allem Feministin bin. Es gibt aber selbstverständlich noch andere Baustellen. Zum Beispiel gibt es zuwenige PoC, „People of Colour“ in unserem Parlament, obwohl wir schon lange eine gut durchmischte Gesellschaft sind. Es sind auch überproportional viele Leute im Parlament, die schon über sechzig sind, und viel zuwenige, die unter dreissig Jahre alt sind. Das verzerrt nicht nur die Abstimmungsergebnisse im Parlament, sondern auch die Frage, welche Vorlagen überhaupt zur Abstimmung kommen. Es gibt auch fast keine Parlamentarier/innen mit Behinderung, obwohl laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz etwa 1,8 Millionen Menschen mit Behinderung leben, wovon 26% (ca. 470’000) als schwer beinträchtigt gelten. Wo sind ihre Vertreter/innen? Darüber, dass ca. 2 Millionen ständige Einwohner/innen nicht wählen können, wer sie regiert, weil sie kein Schweizer Bürgerrecht haben, wollen wir nicht einmal sprechen.

Du aber kannst wählen! Nutze deine Macht!

Das geht am besten so:

  • Wähle links. Seriously. Wenn dir irgendwas an marginalisierten Menschen liegt, dann wählst du links. Warnung: die GLP ist nicht links.
  • Wähle Frauen. Männer hat es genug. Wenn man das Glück hat, im Kanton Bern zu leben, kann man zum Beispiel höchstpersönlich Tamara Funiciello wählen. Ich bin bitzeli neidisch.
  • Wähle Menschen mit Behinderung. Sogar, wenn es Männer sind. Zum Beispiel diesen grossartigen Menschen hier: Islam Alijaj. Er deckt zusätzlich die Sparte „Menschen mit kulturell vorbelasteten Vornamen“ ab.
  • Wähle nicht-weisse Menschen. Solche sind ggf. schwierig zu finden. Eine gute Seite dazu kann ich gerade auch nicht verlinken. Aus diesem Tsüri-Artikel geht allerdings hervor, dass man bei der FDP vergebens sucht, SVP und GLP geben keine Antwort, und die CVP habe „mindestens einen“. Bei der SP sind immerhin zwölf Leute mit doppelter Staatsbürgerschaft dabei (Doppeladler-Alarm!), die Grünen wurden scheinbar gar nicht erst befragt. Pfui. Mit Freude sehe ich die Kandidaturen von Yvonne Apiyo Brändle-Amolo und Rahel El-Maawy.
  • Wähle Leute aus der LGBTQ+ Gemeinschaft. Allen voran natürlich Anna Rosenwasser, die Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz.

Hui. Ich weiss, das ist jetzt ein bisschen viel. Aber wie immer steht unsere ganze Zukunft auf dem Spiel. Also gehe hin und wähle!

Ich wähle übrigens die Grünen. Immer schon. Das hier ist mein Smartspider:

smart-spider der autorin
Ich bin ein bisschen links.

2 Kommentare zu „Von Quotenfrauen und Zauberformeln

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