Ein bisschen schwul

Meine Damen*, Herren* und Enbies, im reifen Alter von 43 Jahren habe ich mir heuer meinen allerersten Sonnenbrand geholt. Einige weisse Menschen haben mich zwar inzwischen darauf hingewiesen, dass das bisschen Rot mitnichten mit ihren Erfolgsgeschichten von wegen Brandblasen und Spitalaufenthalten mithalten könne, ich fand es aber trotzdem eine bemerkenswerte Erfahrung.

Portrait der Autorin

Vorher

Und das kam so: Am zweiten Juniwochenende war Pride in Zürich! Yay! Regenbögen und Glitzer, Federn und Seifenblasen! Wie kann so etwas Schönes und Buntes immer noch so politisch sein? Naja. Wie könnte es nicht?
Jedenfalls schien uns die Sonne aus dem Arsch, und im Himmel hing sie auch ganz glorreich. In meiner Euphorie, und in ein hübsches weisses Kleidchen gekleidet (Nahret, benutz mal Thesaurus, echt jetzt), nahm ich nur peripher war, dass ich ca. dreieinhalb Stunden in direktem Sonnenlicht durch die Stadt gewandert war. Und so war ich dann am Abend ein bisschen rot. Nein, es tat nicht weh, aber es war aso bitzeli warm. Ich habe mir Sonnencrème gekauft.
Der Marsch war fantastisch. So viele Leute! Die Route war sogar etwas zu kurz berechnet, da die Organisation nicht mit solch zahlreicher Teilnahme gerechnet hatte. Alles war schön. Die Leute, die Stimmung, das Wetter, das Leben.

Weiterlesen

Wer verschwendet hier unsere Steuergelder?

Wie die alte Fasnacht komme ich jetzt auch noch mit meiner Meinung zu den Abstimmungen von diesem Wochenende. Natürlich habt Ihr alle schon abgestimmt. Brieflich war ja auch bis gestern. Ich bin hinedri. Ich muss das hier aber trotzdem noch loswerden, denn: wozu habe ich eigentlich ein Parlament gewählt?

Wir Linken dürfen uns von bürgerlicher Seite ja oft anhören, dass wir die kostbaren Steuergelder unserer Bürgerinnen und Bürger verschwenden. So mit Kultur und anderem, ähnlich unnötigem Seich. So von wegen Schulhäuser sanieren! Wenn’s für den Uropa gut genug war, dann geht es ja wohl auch für die unerzogenen Bälger heute? Sind doch nicht der Pestalozzi oder was?

(Warum sind wir eigentlich nicht der Pestalozzi? Ich meine, was Nationalhelden betrifft, hat Herr Pestalozzi schon weit mehr geleistet als Bogenschütze Tell. Vor allem, weil Letzterer ja gegebenenfalls fiktiv ist. Pestalozzi auf den Fünfliber!)

Jetzt habe ich aber kürzlich das Abstimmungs-Couvert bekommen und es ist verdammt noch mal einen halben Zentimeter dick. Ein halber Zentimeter. Was soll das? Ich weiss genau, was da drin ist. Immer, wenn das Couvert die Ausmasse eines kleinen Kontinents annimmt, weiss ich, was geschlagen hat:

Da missbraucht jemand auf eklatante und unverfrorene Weise unser Referendumsrecht.

Weiterlesen

Die Frage nach der Identität

Gerade letzte Woche habe ich mich darüber ausgelassen, wie sehr ich es hasse, nach meiner Herkunft befragt zu werden. Beim Schreiben jenes Posts ist mir aufgefallen, dass die Thematik viel verzwickter ist, als ich im ersten Ärger – machen wir uns nichts vor, Ärger ist in 90% meiner Posts die treibende Kraft – erfasst hatte. Als gemischtrassiger Mensch aufzuwachsen stellt einen gerne vor Probleme, die man zum Beispiel als Kind von Eltern der gleichen Nationalität so nicht kennt. Denn als Kind ist eine Frage sehr zentral: wo gehöre ich eigentlich hin?

Man kann der Verpackung nicht alles glauben.

Mein Aussehen ist kulturell nicht eindeutig, oder zumindest war es das nicht, als ich noch jünger war. Das hat weniger mit mir zu tun als mit der Weltgeschichte, die meine sichtbare Ethnie in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt hat. Wenn meine Physiognomie dereinst nur für andere Araber/innen und für Franzosen/Französinnen eine eindeutige Zuordnung zuliess, weiss inzwischen auch der Rest der Welt in etwa, wie „diese Leute“ aussehen. „Diese Leute“ sind heutzutage Flüchtlinge, Terroristen oder beides. Entsprechend weckt mein Äusseres Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann (oder will). Gerade eben, vor ca. 40 Minuten, bin ich wieder angesprochen worden. Ein Mann ging an mir vorbei, drehte sich zu mir um und sagte: „Assalamu alaikum.“ Ich nickte zum Gruss, und er fragte, „arabiya?“, also ob ich Araberin sei. Da ich gerade nicht in Stimmung war, meine ganze Familiengeschichte auszubreiten, sagte ich nein. Und während das nicht ganz richtig ist, ist es auch nicht falsch, denn meine Basisprogrammierung ist nun mal nicht arabisch. Zum Beispiel:

  • Ich bin Protestantin, nicht Muslimin.
  • Ich spreche kein Wort Arabisch.
  • Religionen, die keinen Speck zulassen, sind für mich ungeeignet.
  • Ich bin ein Bünzli.
  • Ich habe kein „südländisches Temperament“.
  • Ordnung ist wichtiger als „Lebensfreude“.
  • Was auch immer du da tust, tu es leise.

Eine amerikanische Bekannte, der ich neulich Hilfe beim Umgang mit der Schulleitung ihrer Kinder angeboten hatte, sagte nach einem kurzen Abriss meines Lebens: „Oh mein Gott! Du bist ja richtig von hier! Du bist effektiv eine Schweizerin!“ Da wir uns an einem Treffen für farbige Frauen kennengelernt hatten und uns ausschliesslich in Englisch unterhielten, nehme ich ihr ihre Überraschung nicht übel. Natürlich ist das aber auch die Wahrheit: ich bin hier aufgewachsen, ich kenne nichts anderes. Ich bin, kulturell gesehen, Stadtzürcherin.

Weiterlesen

Aber woher kommst du wirklich? 

Ich wurde in der Maternité des Stadtspitals Triemli geboren und bin in einem Haus aufgewachsen, dass sich 450m (Luftlinie) davon entfernt befindet. Mein Kindergarten war vom Küchenfenster aus sichtbar, ebenso meine Sekundarschule (also, vom Balkon aus). Mein Primarschulhaus stand – 370m von meinen Wohnhaus entfernt – direkt hinter der Kirche, in der ich getauft worden war. Mit 14 Jahren bin ich ins Gymnasium gekommen, und musste erstmals mit den ÖV zur Schule, in den angrenzenden Kreis 2. Erst mit 28 bin ich von Wiedikon ans andere Ende der Stadt gezogen, nach Oerlikon. Wenn ich also gefragt werde, woher ich „wirklich“ komme, dann denke ich

Wiedike, Motherfucker, do you know it?

„Say ‚where‘ one more fucking time.“

Aber ich sage: „Us Wiedike. Werum?“

Weiterlesen

Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to ÖV mit Schnee

Eine Kurzanleitung

Meine Damen und Herren, es hat geschneit. Das ist hübsch anzusehen, und für den Strassenverkehr jedes Mal ein bisschen eine Herausforderung. Dies vorweg: Pünktlichkeit hat unter diesen Umständen einen relativ geringen Stellenwert. Hauptsache ist, man kommt an. Mit diesen klaren Vorgaben vor Augen sollte es uns leichter fallen, die Situation zu meistern, ohne völlig abzudrehen.

Schnee – Was nun?

In den Worten der Züri-Linie: „einzelne Buslinien verkehren auf Teilstrecken oder sind eingestellt.“ Dies betrifft insbesondere die sogenannten „Berglinien“. Und nein, wir haben keine Berge in der Stadt, aber Steigungen. Ich konnte mir, da ich an so einer Steigung wohne, gestern gleich denken, dass ich wohl nicht mit dem Bus in die Schule komme. Zum Glück verfügt die Stadt Zürich nicht – wie andere, unüberlegtere Städte – nur über Bus-, sondern auch über Tramlinien. Tram können normalerweise einigermassen gut mit Wetter. Das erleichtert die Entscheidung: wir gehen den Schienen nach. Natürlich ist die gewünschte Tramlinie, die 14, auch so eine Art Berglinie: das Triemli auf der einen Seite, Oerlikon auf der anderen. Auch da wird es also zu den gerne zitierten „unregelmässigen Zeitabständen“ kommen, aber eben: davon bin ich ja nicht alleine betroffen.

Weiterlesen

Statusmitteilung

Zürich: Eine Liebeserklärung

Auf meinem Facebook-Feed hat jemand gefragt: „Wenn die Stadt, in der du lebst, ein Mensch wäre, würdest du dann mit ihm schlafen?“ Während die Leute, die mich kennen, sich die Antwort schon denken können, möchte ich ein bisschen ausführen. Vor allem, weil Andere diese, meine Stadt, schon kommentiert haben. Es war das Übliche. Die Person, die den Post verfasst hat, hat Folgendes geschrieben:

„Ich glaube, Zürich wär dieser leicht arrogante, steinreiche Typ, dessen Gesicht du dir nicht so richtig merken kannst. Im Flirten ist er schlecht, stattdessen setzt er drauf, dich zu beeindrucken – aber wenn du dich trotzig-liebevoll auf ihn einlässt, merkst du, dass er gar kein so schlechter Küsser ist. Sein Zuhause ist klinisch sauber, der Bettanzug aus Samt. Bist du leidenschaftlich, zieht er mit.
Nach dem Höhepunkt bleibt er wach, weil Koks.
Am Morgen verlangt er die 18 Franken zurück, die er für deinen Drink am Vorabend ausgegeben hat.“

Needless to say, ich sehe das ein bisschen anders.

enlight124

Oerlikonerstrasse

Meine Stadt hat es weit gebracht, aber sie hat nicht vergessen, dass sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Auswärtige und Zuzüger/innen starren auf ihr Limmatquai, zwinkern sich zu, wenn sie ihre Langstrasse entdecken, belächeln ihre Clubszene. Sie rümpfen die Nase über ihren Paradeplatz und sehen nicht, was ihre PUK jeden Tag durchlebt. Sie ignorieren was sie durchgemacht hat mit ihrem Letten und ihrem Platzspitz. Sie erinnern sich nicht, dass das Industriequartier dereinst voller Industrie war. Wegen ihrer Schönheit bezichtigen sie sie der Arroganz. Sie machen sich über ihre Hirslandenklinik und  ihre gesammelten Schönheitsoperationen lustig. Doch sie macht sich nicht wichtiger, als sie ist; sie sucht keinen Vergleich mit internationalen Grössen wie New York oder Paris. Sie kennt ihren eigenen Wert und vor allem auch ihre eigenen Werte. Sie weiss aber auch, dass sie der grösste Fisch in diesem Teich ist, und sie versteht ihre Verantwortung.

Weiterlesen