Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to HB

Meine Gebrauchsanweisungen für die Stadt fangen immer ein bisschen mit derselben Ermahnung an, die, zusammengefasst, als etwas in Richtung „steh nicht im Weg rum“ beschrieben werden kann. Das ist in der Stadt relevant, weil in der Stadt – im Vergleich zum Dorf – viele Menschen sind. Am Hauptbahnhof ist alles noch schlimmer, weil die ganz vielen Leute, die dort sind, sich im Transit nach woanders befinden, und es oft etwas pressant haben. Erst der Hauptbahnhof bringt das wahre, das innerste Wesen eines Menschen hervor; er verlangt uns die bestmögliche Form von uns selbst ab, und die meisten von euch versagen kläglich. Ja, von euch. Ich weiss schliesslich, wie man sich am HB verhält.

Innenansicht Haupthalle Zürich Hauptbahnhof
Die Haupthalle unter normalen Umständen

Steh nicht im Weg rum.

Seien wir ehrlich, es kommt einem in jeder erdenklichen Lebenssituation zu Gute, wenn man sich einigermassen klar ist, wann man wieviel Platz einnimmt. Ich besitze beispielsweise mehrere Rucksäcke, die mein ohnehin beeindruckendes Gesamtvolumen mehr oder weniger drastisch vergrössern. Unter gewissen Umständen – im vollen Tram – ist es also angebracht, den Rucksack abzunehmen und zwischen den Beinen auf den Boden zu stellen. Während man unterwegs ist, ist dies natürlich wenig praktisch. Dort ist es lediglich angezeigt, sich bewusst zu bewegen. So verhindert man gegebenenfalls, durch so unerwartete wie elegante Richtungswechsel ganze Gruppen von ca. gleichgrossen und kleineren Menschen nieder zu mähen.

Einen Stock tiefer sollte man die gleiche Umsicht dem mitgebrachten Rollköfferchen zukommen lassen. Mit so einem im Anhang wird man bekanntermassen zum Sattelzug, weshalb man bei der Planung des Pfads die entsprechende Mehrlänge berücksichtigen muss. Das sind so ein bisschen die Basics.

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Zürich: Eine Liebeserklärung

img_7499Auf meinem Facebook-Feed hat jemand gefragt: „Wenn die Stadt, in der du lebst, ein Mensch wäre, würdest du dann mit ihm schlafen?“ Während die Leute, die mich kennen, sich die Antwort schon denken können, möchte ich ein bisschen ausführen. Vor allem, weil Andere diese, meine Stadt, schon kommentiert haben. Es war das Übliche. Die Person, die den Post verfasst hat, hat Folgendes geschrieben:

„Ich glaube, Zürich wär dieser leicht arrogante, steinreiche Typ, dessen Gesicht du dir nicht so richtig merken kannst. Im Flirten ist er schlecht, stattdessen setzt er drauf, dich zu beeindrucken – aber wenn du dich trotzig-liebevoll auf ihn einlässt, merkst du, dass er gar kein so schlechter Küsser ist. Sein Zuhause ist klinisch sauber, der Bettanzug aus Samt. Bist du leidenschaftlich, zieht er mit.
Nach dem Höhepunkt bleibt er wach, weil Koks.
Am Morgen verlangt er die 18 Franken zurück, die er für deinen Drink am Vorabend ausgegeben hat.“

Needless to say, ich sehe das ein bisschen anders.

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Observationen aus dem benachbarten Ausland: Dorfgespräch

Es war ein etwas schleichender Prozess, ich habe es nicht gleich bemerkt. Viel davon habe ich auf meine Anwesenheit zurückgeführt, die natürlich zu solchen Gesprächen Anlass geben kann. Doch dann habe ich zufällig Konversationen gehört, die nichts mit mir zu tun hatten, die von Menschen geführt wurden, die mich noch gar nicht gesehen hatten, und ich begriff: Die reden über uns da draussen.

Die, das ist die Landbevölkerung. Wir, das sind die Zürcherinnen und Zürcher, und das Reden, das kann ganz verschiedene Formen annehmen, unter denen zwei aber besonders häufig observiert werden können: der Direktvergleich und der Diss. Oft auch aufeinander folgend oder direkt kombiniert. Bei dem Gespräch, dass ich da gehört hatte, ging das so:

A: „… und als er am Bahnhof (Rapperswil) ankam, schüttete es wie aus Eimern. Natürlich hatte er keinen Schirm dabei. Auf halbem Weg ist er aber dieser alten Frau begegnet, und die hat ihn dann mit dem Schirm bis vor die Tür begleitet!“

D: „Wow, das ist ja voll nett von ihr!“ Pause. Dann, „In Zürich wäre das nie passiert. Dort sind auch die Alten total unfreundlich.“

Aha. Unsere Alten sind total unfreundlich. Ich hoffe, ihr wisst das, betagte Zürcherinnen und Zürcher. Unfreundlich und arrogant ist sowieso das Hauptthema, aber, seien wir ehrlich, das sind wir uns ja gewohnt. Auch mir war bewusst, dass wir im benachbarten Ausland so wahrgenommen werden, was ich nicht wusste, ist, wie oft Zürich diskutiert wird. Ein Freund von mir, der ursprünglich aus Baselland stammt, erwähnt auch hin und wieder, wie bei Familienfesten über Zürich gelästert wird. Gut, im Baselbiet gehört das vermutlich zum guten Ton. Aber auch eine Freundin aus Bern hat schon erzählt, wie man sich dort ganz nonchalant über Zürich auslässt, und warum man niemals dort würde leben wollen. Einerseits trifft mich das tief, da meine Familie aus dem Kanton Bern stammt und berndeutsch meine Muttersprache ist. Andererseits… zwingen wir niemanden, umzuziehen. Es ist nicht so, als hätten wir zuwenig EinwohnerInnen.

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Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to Migros

„For your convenience, we suggest courageous, efficient self-service!“ – Engrish, gefunden in einem Supermarkt in Hong Kong

Das Leben ist kein Ponyhof und die Stadt kein Kindergeburtstag. In der Stadt trifft man gerne mal auf Leute, die es pressant haben. Stuff to do, places to be, etc. Viele von uns gehen einkaufen. Viele von uns gehen, arbeitstechnisch bedingt, zur gleichen Zeit einkaufen. Fingerspitzengefühl ist gefragt.

Ich gebe zu, die Migros kann einem, gerade an einem Samstag, das Äusserste abverlangen. Alle Methoden, die wir uns im Laufe unseres Lebens erarbeitet haben, um durch den Alltag zu kommen, ohne uns im Sinne von Artikel 113 des Strafgesetzbuches schuldig zu machen, werden bei dieser Gelegenheit abgerufen. Und unsere Mitmenschen machen es uns nicht leicht. Sie verstossen gegen die Regeln des Stadtlebens, des Anstands und des gesunden Menschenverstandes.

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Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to ÖV

Da es scheinbar Menschen gibt, die die Kinderstube nur von aussen gesehen haben, fühle ich mich gezwungen, eine Serie von Anleitungen zu verfassen, wie man sich in einer Stadt benimmt. Ich werfe ja niemandem vor, dass er/sie auf dem Land aufgewachsen ist, wo man das mit den Manieren etwas ungezwungener sieht – vor allem, weil man ja nie auf mehr als acht Menschen auf einmal trifft. Ich verstehe es: man hat Platz zum versauen, und damit einen die Mitmenschen überhaupt hören, braucht man die Stimmgewalt eines Pavarotti. Man kennt alle. Mit der Hälfte ist man verwandt und verschwägert. Alles ist vertraut und locker.

Willkommen in der Stadt. Hier läuft das anders.

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