Ein bisschen schwul

Meine Damen*, Herren* und Enbies, im reifen Alter von 43 Jahren habe ich mir heuer meinen allerersten Sonnenbrand geholt. Einige weisse Menschen haben mich zwar inzwischen darauf hingewiesen, dass das bisschen Rot mitnichten mit ihren Erfolgsgeschichten von wegen Brandblasen und Spitalaufenthalten mithalten könne, ich fand es aber trotzdem eine bemerkenswerte Erfahrung.

Portrait der Autorin

Vorher

Und das kam so: Am zweiten Juniwochenende war Pride in Zürich! Yay! Regenbögen und Glitzer, Federn und Seifenblasen! Wie kann so etwas Schönes und Buntes immer noch so politisch sein? Naja. Wie könnte es nicht?
Jedenfalls schien uns die Sonne aus dem Arsch, und im Himmel hing sie auch ganz glorreich. In meiner Euphorie, und in ein hübsches weisses Kleidchen gekleidet (Nahret, benutz mal Thesaurus, echt jetzt), nahm ich nur peripher war, dass ich ca. dreieinhalb Stunden in direktem Sonnenlicht durch die Stadt gewandert war. Und so war ich dann am Abend ein bisschen rot. Nein, es tat nicht weh, aber es war aso bitzeli warm. Ich habe mir Sonnencrème gekauft.
Der Marsch war fantastisch. So viele Leute! Die Route war sogar etwas zu kurz berechnet, da die Organisation nicht mit solch zahlreicher Teilnahme gerechnet hatte. Alles war schön. Die Leute, die Stimmung, das Wetter, das Leben.

Es könnte alles so schön sein. Ich erliege oft der Fehleinschätzung, dass die Schweiz oder gar die Welt in etwa wie Zürich funktioniert. Hier kann man nämlich easy schwul sein. Das wusste mein Götti schon in den 70er Jahren, wo sowieso alle irgendwie geglitzert haben. Ich sage schwul, weil die homosexuellen Männer die sichtbarste Front darstellen im anhaltenden Kampf um Gleichberechtigung und Akzeptanz. Das Patriarchat und toxische Männlichkeit haben noch immer dafür gesorgt, dass als männlich designierte Kinder mit von der Heteronormativität abweichendem Verhalten früh identifiziert und für ihre Andersartigkeit bestraft werden. Damit will ich das Leiden der anderen Buchstaben in LGBTQIAA nicht minimieren, doch Sichtbarkeit war schon immer am grössten beim G, und natürlich beim T; da mir dieses nicht ganz so vertraut ist, beschränke ich meine Aussagen hier auf das, was ich kenne. Ein Mechanismus spielt aber auch bei trans Frauen: auch sie werden, da sie als Knaben wahrgenommen werden, für ihre fehlende „Männlichkeit“ verurteilt.
Sichtbar bedeutet auch nicht besser, aber es bedeutet sehr wohl, dass es Menschen in der Community gibt, die sich, zum Beispiel im Gegensatz zu mir (B), nicht verstecken können. Ihr wisst ja, wie das ist, wenn jemand so ein „bisschen schwul“ aussieht/geht/spricht. Ja, das ist ein Klischee. Das Klischee kann erst zustande kommen, wenn ein erkennbares Muster vorhanden und nachvollziehbar ist. Der korrekte Begriff wäre übrigens „Stereotyp“ und den sollte man sich an dieser Stelle gerne wieder einmal durchlesen.

LGBTQIAA: Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer, Intersex, Asexual, Allies

Götti Jean-Pierre

Es liegt definitiv an meinem Götti Jean-Pierre – der ja eigentlich Hanspeter hiess, was aber seinem Ausmass an Glam in keinster Weise gerecht geworden wäre – dass für mich Homosexualität schon früh normalisiert war. Da war noch nicht mal ein Prozess. Feuer ist heiss, Wasser ist nass, es gibt Männer, die Männer lieben. Normal halt. Bewusst an Jean-Pierre erinnern kann ich mich ca. ab dem Alter von fünf, und er war so eine Art Einhorn. Er nannte alle Leute „Schätzeli“ und hatte dabei, als wäre er so konzipiert worden, ein leichtes Lispeln. Ich wollte mal so werden wie er, wenn ich gross war.

Heute, wo ich gross bin, sehe ich, in welchem Mass er Vorbildfunktion hatte. Es ging gar nicht so sehr darum, dass er schwul war, sondern wie er damit umging zu einer Zeit, in der es nun mal viel weniger normal war als heute. Ich kannte ihn natürlich erst, als er schon in Zürich und somit „out“ war, also aus dem Schrank. Und er war nicht nur out, er war far out: bunt, laut und überlebensgross. Seine Wohnung war für die Zeit topmodern und stylish in schwarz und weiss, mit assortiertem Kitsch. Ich erinnere mich gerne an seinen Plastikstier mit Torero, der neben dem gläsernen Couchtisch auf dem Zebrafell im Wohnzimmer stand. Im Schlafzimmer lag ein weisser Flokati-Teppich, indem die ebenso weisse wie flauschige Katze, „Chico“, optimal getarnt war.
Ich verstehe, wie wahnsinnig stereotyp Jean-Pierre war. Er war die Sorte over the top Schwuler, wie er gerne in TV- und Filmkomödien vorkommt. Kein Wunder habe ich mich auf den ersten Blick in Lafayette Reynolds und Titus Andromedon verliebt.

Selbstverständlich gibt es hier – wie bei allen anderen Menschen – ein Spektrum im Ausdruck, augenzwinkernd „Infragay“ bis „Ultragay“ genannt. Was mir Jean-Pierre aber fürs Leben mitgegeben hat, ist dass man bedingungslos sein kann, wer man ist. Dafür werde ich ewig dankbar sein.

Jean-Pierre ist 1995 an den Folgen von AIDS gestorben. Auch das gehört zur LGBTQIAA-Geschichte. Ich vermisse ihn.

Five pictures of Freddie Mercury

Es wäre falsch, einen LGBTQIAA-Post zu verfassen und Freddie nicht zu erwähnen.

Das Leben anderer Leute

Manchmal sehe ich diese Geschichten aus den USA, wo Kinder davon sprechen, dass sie ihre Eltern „enttäuscht“ haben. Enttäuscht dadurch, dass sie nicht heterosexuell sind. Und dann denke ich mir wie absurd das klingt. Weil es doch nichts Enttäuschendes ist; ich meine, es ist noch nicht mal ungewöhnlich. Es gibt wesentlich mehr nicht-Heteros als es zum Beispiel Rothaarige gibt. Es ist diese seltsame Besorgnis darüber, was andere Menschen in ihrem Privatleben so tun. Das ist ein bisschen, wie wenn mir jemand sagt, dass er Fenchel isst. Ich finde Fenchel widerlich, aber deshalb bin ich nicht enttäuscht von Leuten, die den trotzdem essen wollen. Sie dürfen sogar in meiner Gegenwart Fenchel essen, obwohl ich ihn dann sogar riechen kann. Ich würde ihnen keine Vorwürfe machen für ihre Liebe zu Fenchel, und ich würde ihnen keine Predigt darüber halten, dass der Verzehr von Fenchel unmoralisch und falsch ist. Man kommt vermutlich nicht in die Hölle dafür. Und solange sie ihn mir nicht aufdrängen, können sie mit ihrem Fenchel machen, was sie wollen. Ich würde nicht an einer Demonstration teilnehmen, die anderen Menschen den Konsum von Fenchel verbieten will.

Die Sache mit der Moralität

img_1124Und da wir das mit der Hölle kurz angeschnitten haben, müssen wir wohl eben über das Christentum sprechen. Dieses tut sich ja bekanntlich schwer mit der Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Menschen, und beruft sich dafür gerne auf die Übersetzung der Übersetzung der Übersetzung eines 2000 Jahre alten Buches.

Ich dachte halt echt, wir seien über solche Dinge hinweg. Wen sich jemand als PartnerInnen aussucht tangiert mich ja normalerweise so gar nicht. Noch weniger geht es mit an, mit wem und wie vielen jemand Sex hat, oder welche äusseren Geschlechtsmerkmale Menschen mit sich herumtragen. Alle diese Fragen lassen übrigens – man höre und staune – keinerlei Rückschlüsse auf die Verhaltensweise der Einzelnen zu. So gesehen ist es etwas schwierig, sich vorzustellen, dass eine lesbische Frau, die ihr Leben der gemeinnützigen Arbeit gewidmet hat, in die Hölle kommen soll, weil sie zuwenig Penis in ihrer Vagina hatte. Als ob Gott nichts anderes zu tun hätte, als unsere Genitalien zu überwachen. Es ist ihm, wenn ich die Bibel zu Rate ziehe, offenbar auch egal, welches Klo trans Menschen benutzen. Was wir aber nachlesen können, ist dass er Rassismus und Kapitalismus Scheisse fand, aber da will ja wieder niemand drüber sprechen. Und wer sich hier jetzt auf das Buch Leviticus berufen will, der/die sollte mir glaubhaft (ha!) nachweisen können, dass er/sie auch keine gemischten Stofffasern trägt, weder Schwein noch Meeresfrüchte isst und am Sabbath nicht arbeitet. Und wer sich schon einmal den Bart gestutzt hat, für den ist es jetzt auch vorbei. Hauptsächlich aber das: kümmere dich doch um deinen eigenen Kram. Ob und wie Andere ihre Seele retten wollen, ist ihnen selbst überlassen und geht dich einen Feuchten an.

Trans- und Homophobie, oder: Die Angst der Männer

Und dann gibt es die, die nicht nur mit kaum verstandenen Bibelsprüchen um sich werfen, sondern Mitglieder der LGBTQIAA-Community dumm anmachen, beleidigen, und im Extremfall körperlich angreifen. Bei jedem normalen Menschen hört bei einem solchen Verhalten natürlich alles auf. Und doch scheint es salonfähig: noch immer können Männer glaubhaft vor Gericht vertreten, dass sie „in Panik geraten sind“, als sie von einem schwulen Mann angemacht wurden oder feststellten, dass ihr Date trans ist, und sie das Opfer deshalb zu Tode geprügelt haben. In Panik geraten. Weil plötzlich ein zweiter Penis im Raum war. Oder weil die Idee eines früher existierenden Penis im Raum war, und somit in ihrem Kopf. Und plötzlich geraten sie in Panik, weil… Genau: Misogynie.

homophobia

Homophobie: Die Angst, ein anderer Mann könnte dich so behandeln, wie du Frauen behandelst.

Halt, wie bitte? Männer töten jemanden, den sie als Mann verstehen, weil sie Frauen hassen? Klingt komisch, ist aber so. Die Psychologie nennt das Projektion, denn diese Männer sehen sich einem anderen Mann in einem sexuellen Kontext ausgesetzt und befürchten nun, dieser könne sie behandeln, wie sie selbst Frauen behandeln würden. Nämlich schlecht. Sie sind mit einem anderen Mann konfrontiert und sehen sich plötzlich in der Position, die sie für Frauen vorgesehen haben: die des Opfers. Frauen*, kennt ihr das? Das Hintergrund-Rauschen unserer Existenz, das Wissen, dass wir nirgendwo und niemals sicher sind vor sexueller Gewalt? Genau. Der durchschnittliche het cis Mann kennt es nicht. Und da fürchtet er nun die Art Übergriff, wie er ihn wohl von sich selbst gegenüber einer Frau in Betracht ziehen würde. Klingt bisschen extrem, was? Aber schaut sie euch an, die Männer, die Lesben bedrohen und Schwule und trans Menschen verprügeln. Denen will man niemals begegnen, schon gar nicht allein. Behaupte ich hier, nur schlechte Menschen sind homophob? Ja, das tue ich. Denn nur schlechte, dumme, unsichere, feige Arschlöcher sind trans- oder homophob. Und das muss aufhören. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Mir ist egal, wie jemand aufgewachsen bist, oder was seine Religion darüber sagt. Das hier ist das 21. Jahrhundert und wir haben keine Zeit für solchen Bullshit.

Es könnte alles so schön sein

Jetzt habe ich mich doch in Rage geschrieben. Dabei könnte alles so schön sein. Der Umzug war toll, ein Fest der Freundschaft, Freude und Liebe.

Korinther 13:13
„Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Das sagte auch der katholische Pfarrer, der vor einigen Jahren einen guten Freund von mir mit dessen langjährigem Partner verheiratete: „Gott ist vor allem Liebe. Es gibt nichts zwischen diesen beiden Männern, das nicht von Liebe getragen ist.“ Das ist jetzt ein bisschen viel Christentum auf einmal, aber die stellen sich ja auch so an. Aber wenn ein über 60-jähriger katholischer Pfarrer gegen die Indoktrination seiner Organisation zum Schluss kommt, dass das alles gar nicht so wild ist, dann sollte das auch für unsere PolitikerInnen und für dich und mich drin liegen. Gleiche Rechte für alle. Damit die Pride irgendwann keine politische Botschaft mehr tragen muss.

Steh der Liebe von Anderen nicht im Weg.


enlight147PS: Ich wollte euch das „Nachher“ natürlich nicht vorenthalten, aber mir kommt gerade keine passende Parabel für meinen Sonnenbrand in den Sinn. (Ich find’s ja besonders toll, dass man sehen kann, wie ich meine Tasche getragen habe.) Ausser, dass er es absolut Wert war. Für Liebe, Glitzer und Regenbögen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.