Das mit dem Small Talk

Ich finde sie immer wieder in den Social Media, diese Memes zu Small Talk, die in etwa so funktionieren:


Ich hasse Small Talk! Ich will über das Leben reden und den Tod! Über Wissenschaft, Politik und Religion! Über Musik und die Dinge, die uns tief berühren und bewegen! Ich will kein oberflächliches „wie geht’s?“, ich will wissen, was der Sinn des Lebens ist und was dich nachts wach hält.


Dann gehen Leute, die sowas posten, oft dazu über, sich selbst als introvertiert zu bezeichnen. Sie sind interessiert an „tiefgründigen“ Leuten und Gesprächen. Natürlich verabscheuen sie Oberflächlichkeit. Natürlich. Leider haben sie dabei vollkommen verpasst, worum es bei Small Talk geht. Dieser ist nämlich nicht weniger als ein Indikator dafür, wie gesellschaftsfähig eine Person ist. Davon, dass es dich nicht interessiert „wie’s mir geht“ wollen wir gar nicht erst anfangen.

small talk by xkcd
Diese Leute. Die hat man gerne an Parties. (c) XKCD

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Ein bisschen schwul

Meine Damen*, Herren* und Enbies, im reifen Alter von 43 Jahren habe ich mir heuer meinen allerersten Sonnenbrand geholt. Einige weisse Menschen haben mich zwar inzwischen darauf hingewiesen, dass das bisschen Rot mitnichten mit ihren Erfolgsgeschichten von wegen Brandblasen und Spitalaufenthalten mithalten könne, ich fand es aber trotzdem eine bemerkenswerte Erfahrung.

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Vorher

Und das kam so: Am zweiten Juniwochenende war Pride in Zürich! Yay! Regenbögen und Glitzer, Federn und Seifenblasen! Wie kann so etwas Schönes und Buntes immer noch so politisch sein? Naja. Wie könnte es nicht?
Jedenfalls schien uns die Sonne aus dem Arsch, und im Himmel hing sie auch ganz glorreich. In meiner Euphorie, und in ein hübsches weisses Kleidchen gekleidet (Nahret, benutz mal Thesaurus, echt jetzt), nahm ich nur peripher war, dass ich ca. dreieinhalb Stunden in direktem Sonnenlicht durch die Stadt gewandert war. Und so war ich dann am Abend ein bisschen rot. Nein, es tat nicht weh, aber es war aso bitzeli warm. Ich habe mir Sonnencrème gekauft.
Der Marsch war fantastisch. So viele Leute! Die Route war sogar etwas zu kurz berechnet, da die Organisation nicht mit solch zahlreicher Teilnahme gerechnet hatte. Alles war schön. Die Leute, die Stimmung, das Wetter, das Leben.

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Papierlischwiizer

Herzlichen Glückwunsch, Schweiz, zu 727 Jahren! So ein bisschen zur Einstimmung auf unsere Bundesfeier haben wir ja im Juli mal wieder diskutiert, wer denn eigentlich SchweizerIn ist. Denn im Juli, ja, da war WM.

Diese WM hätte das Potential gehabt, mehr und fundierter zu reden zu geben als irgendeine andere der letzten zwanzig Jahre. Denn nicht nur kann Fussball an und für sich wahnsinnig problematisch sein, auch der Austragungsort hat es in sich. So brüstete sich zum Beispiel eine örtliche Bäckerei-Kette mit den vor ihren Läden hängenden Schildern: „Schwuchteln raus“.

Problematisch ist Fussball, weil gerade die Situation mit dem Nationalstolz im Moment eher schwierig ist. Die einen wollen Amerika wieder great machen, die anderen wählen Nazis in die Regierung. Wo man hinschaut ist das Volk nach rechts gerutscht. Offen darüber zu sprechen, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen ist nicht mehr tabu, schliesslich sind das ja unsere Steuergelder und so. Überall so ein bisschen unschön. Natürlich musste man auch bei uns nicht lange warten, bis sie aus ihren Löchern gekrochen kamen: die besseren SchweizerInnen, die EidgenossInnen.

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Wider die innere Uhr

Ah, Frühling. Es wird wieder wärmer, Bäume haben Sex in meinem Gesicht und eine signifikante Minderheit in meinem Bekanntenkreis beschwert sich über die Sommerzeit. Ich habe jedes Jahr die gleiche Reaktion auf dieses Geseiere, das selbstverständlich auch jedes Jahr stattfindet und immer von den gleichen Leuten kommt. Es macht mich ein bisschen sauer, dieses Jammern um die eine Stunde, die jetzt „fehlt“ und zu einem Jetlag führen soll.

Eigentlich sollte ich mehr Verständnis haben, das weiss ich. Nicht nur, weil ich am eigenen Leib erfahre, was sie meinen, sondern auch, weil es objektiv klar ist, dass das Leiden anderer Leute nicht mit dem Eigenen im Wettbewerb steht. Und doch ist da dieser Teil in mir, für den das Gejammere über die Verschiebung einer Stunde wie blanker Hohn klingt. Denn ich bin gezwungen, in einem System zu existieren, das von mir eine konstante Anpassung von sechs Stunden erwartet; ich bin das, was man landläufig eine „Eule“ nennt.

snowy owl
Fick dich und deinen „Morgen“!

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Die Frage nach der Identität

Gerade letzte Woche habe ich mich darüber ausgelassen, wie sehr ich es hasse, nach meiner Herkunft befragt zu werden. Beim Schreiben jenes Posts ist mir aufgefallen, dass die Thematik viel verzwickter ist, als ich im ersten Ärger – machen wir uns nichts vor, Ärger ist in 90% meiner Posts die treibende Kraft – erfasst hatte. Als gemischtrassiger Mensch aufzuwachsen stellt einen gerne vor Probleme, die man zum Beispiel als Kind von Eltern der gleichen Nationalität so nicht kennt. Denn als Kind ist eine Frage sehr zentral: wo gehöre ich eigentlich hin?

Man kann der Verpackung nicht alles glauben.

Mein Aussehen ist kulturell nicht eindeutig, oder zumindest war es das nicht, als ich noch jünger war. Das hat weniger mit mir zu tun als mit der Weltgeschichte, die meine sichtbare Ethnie in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt hat. Wenn meine Physiognomie dereinst nur für andere Araber/innen und für Franzosen/Französinnen eine eindeutige Zuordnung zuliess, weiss inzwischen auch der Rest der Welt in etwa, wie „diese Leute“ aussehen. „Diese Leute“ sind heutzutage Flüchtlinge, Terroristen oder beides. Entsprechend weckt mein Äusseres Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann (oder will). Gerade eben, vor ca. 40 Minuten, bin ich wieder angesprochen worden. Ein Mann ging an mir vorbei, drehte sich zu mir um und sagte: „Assalamu alaikum.“ Ich nickte zum Gruss, und er fragte, „arabiya?“, also ob ich Araberin sei. Da ich gerade nicht in Stimmung war, meine ganze Familiengeschichte auszubreiten, sagte ich nein. Und während das nicht ganz richtig ist, ist es auch nicht falsch, denn meine Basisprogrammierung ist nun mal nicht arabisch. Zum Beispiel:

  • Ich bin Protestantin, nicht Muslimin.
  • Ich spreche kein Wort Arabisch.
  • Religionen, die keinen Speck zulassen, sind für mich ungeeignet.
  • Ich bin ein Bünzli.
  • Ich habe kein „südländisches Temperament“.
  • Ordnung ist wichtiger als „Lebensfreude“.
  • Was auch immer du da tust, tu es leise.

Eine amerikanische Bekannte, der ich neulich Hilfe beim Umgang mit der Schulleitung ihrer Kinder angeboten hatte, sagte nach einem kurzen Abriss meines Lebens: „Oh mein Gott! Du bist ja richtig von hier! Du bist effektiv eine Schweizerin!“ Da wir uns an einem Treffen für farbige Frauen kennengelernt hatten und uns ausschliesslich in Englisch unterhielten, nehme ich ihr ihre Überraschung nicht übel. Natürlich ist das aber auch die Wahrheit: ich bin hier aufgewachsen, ich kenne nichts anderes. Ich bin, kulturell gesehen, Stadtzürcherin.

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