Wider die innere Uhr

Ah, Frühling. Es wird wieder wärmer, Bäume haben Sex in meinem Gesicht und eine signifikante Minderheit in meinem Bekanntenkreis beschwert sich über die Sommerzeit. Ich habe jedes Jahr die gleiche Reaktion auf dieses Geseiere, das selbstverständlich auch jedes Jahr stattfindet und immer von den gleichen Leuten kommt. Es macht mich ein bisschen sauer, dieses Jammern um die eine Stunde, die jetzt „fehlt“ und zu einem Jetlag führen soll.

Eigentlich sollte ich mehr Verständnis haben, das weiss ich. Nicht nur, weil ich am eigenen Leib erfahre, was sie meinen, sondern auch, weil es objektiv klar ist, dass das Leiden anderer Leute nicht mit dem Eigenen im Wettbewerb steht. Und doch ist da dieser Teil in mir, für den das Gejammere über die Verschiebung einer Stunde wie blanker Hohn klingt. Denn ich bin gezwungen, in einem System zu existieren, das von mir eine konstante Anpassung von sechs Stunden erwartet; ich bin das, was man landläufig eine „Eule“ nennt.

snowy owl

Fick dich und deinen „Morgen“!

Es war eine überraschende Realisierung für mich, dass sechs Stunden Schlaf nicht gleich sechs Stunden Schlaf sind. Sechs Stunden sind nämlich erfahrungsgemäss für mich ausreichend – wenn sie denn zum richtigen Zeitpunkt stattfinden. Aber ganz egal, wie lange ich schlafe (ich bin auch schon um acht Uhr abends schlafen gegangen), wenn ich vor neun Uhr morgens aufstehen muss, geht mir das an die Substanz. Das frühe Aufstehen ist Gewalt, die meinem Körper angetan wird. Es zerschleisst mich, meine Glieder fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Es gab Momente, da lag ich im Bett und habe nur noch geheult, weil ich aufstehen musste. Im Gegenzug habe ich natürlich Nachtschichten gearbeitet, ohne irgendeine Beeinträchtigung festzustellen.

Der Preis der Andersartigkeit

Die Evolution hat gute Gründe für verschiedene Tagesrhythmen. Während es wahr ist, dass wir eins der Tiere sind, das am allerschlechtesten für nächtliche Aktivitäten geeignet ist (lichtabhängige Augen, kein Sonar, Geruchs- und Hörsinn bestenfalls im vorderen Mittelfeld), sind wir noch nicht lange in der Situation, dass wir nachts nicht mehr aufpassen müssen, dass wir nicht von besser ausgestatteten Viechern gefressen werden. Also hat die Natur dafür gesorgt, dass wir nicht alle gleichzeitig schlafen. Und wie so viele Dinge, die uns vor zehntausend Jahren extrem nützlich waren, sind diese Unterschiede im Zeitalter des Kapitalismus eine Bürde.

Ich lebe in einer Gesellschaft von Lerchen. Die Schweiz gehört wohl zu den Ländern, die am frühesten aufstehen. Meine Arbeitszeit beginnt um sieben oder acht Uhr früh, das Gymi früher um 07:45 Uhr, die Schule heute um 08:20 Uhr. Der Coop in der Nähe der Schule macht erst um neun Uhr auf, was nicht weniger als empörend ist, weil ehrlich, warte doch gleich bis zum Mittag, kommt jetzt auch nicht mehr drauf an.

Chronobiologie

Die Chronobiologie beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit unserer inneren Uhr. Es ist erst ein paar Jahre her, dass man es nun als erwiesen betrachtet, dass sich der Chronotyp zwar im Laufe unseres Lebens „innerhalb der Möglichkeiten“ verändert, aber grundsätzlich genetisch verankert ist. Das heisst, Frühaufsteher sind halt doch nicht die besseren Menschen, es ist einfach ein kosmischer Zufall, dass man so geboren wird.

Schon lange kennen wir die Theorie von den Lerchen und den Eulen. Lerchen sind früh morgens unterwegs (doch, Julia, es war die Lerche), Eulen leben in der Nacht. Nach dieser an Deutschland orientierten Darstellung falle ich in die Kategorie „extremer Spättyp“.

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Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für Chronobiologie, 2010

In einer idealen Welt schlafe ich von ca. 5 Uhr morgens bis zum Mittag. Natürlich lebe ich nicht in einer idealen Welt, sondern im eisernen Griff des Kapitalismus. Wenn man nicht peinlich bescheiden bezahlten und körperlich über die Massen anstrengenden Tätigkeiten nachgeht, gibt es wenig Erwerbstätigkeit, die meinen Schlafbedürfnissen entgegenkommt. Wohin das führt, ist klar: es gibt Studien zuhauf, die belegen, dass es auf Dauer ungesund ist, den eigenen Schlafrhythmus zu ignorieren. Wir fühlen uns schlaff, wir schlafen zu wenig, wir werden krank. Aber es ist halt lässig, als Normalo all die Eulen als faule Säcke zu belächeln.

Wieso also diese Sommerzeit?

Wenn ich doch also weiss, wie scheisse es ist, in einer Zeitverschiebung zu existieren, warum habe ich dann kein Verständnis für die Geschädigten der Sommerzeit? Aus verschiedenen Gründen:

  • Eine Stunde ist gar nichts.
  • Ich weiss aus Erfahrung, dass diese Leute auch schon im Urlaub waren an Orten, die in einer anderen Zeitzone liegen.
  • Jetlag ist keine permanente Kondition.

Zu Letzterem gibt es sozusagen eine gute Nachricht und eine schlechte Nachricht. Die Gute: ich kenne eine Familie, die letzten August von Seattle (GMZ -8h) nach Zürich (GMZ +1h) gezogen ist. Obwohl die Verschiebung von Westen nach Osten die für den Organismus schwierigere ist, haben sie sich angeglichen. Weil unser Körper das kann. Die Schlechte: ich kann nicht einfach nach New York ziehen und bin dann ein Morgenmensch. Mein Körper würde sich angleichen. Weil unser Körper das kann.

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Ich, wenn ich am Vormittag aufstehen muss.

Es gibt ein Leiden, das landläufig als „permanenter Jet Lag“ bezeichnet wird, aber davon sind nur etwa 0,15% der Bevölkerung betroffen, und denen ist es dann auch egal, ob Sommerzeit ist oder nicht.

Wir passen uns also an, wenn die Zeit verschoben wird. Aber wieso wollen wir die Zeit verschieben? Ganz einfach: Tageslicht. Der grösste Teil der Menschheit mag Tageslicht. Man erinnere sich daran, wie schlecht wir im Dunkeln funktionieren. Nebst persönlichen Präferenzen löst Tageslicht in uns auch chemische Prozesse aus, die für unser Überleben wichtig sind. Und während natürlich die Aussage, dass wir mit Sommerzeit „mehr“ Tageslicht haben, Bullshit ist, haben wir durch diese Anpassung das Licht dann, wenn wir es brauchen können.

Am 21. Juni, am Tag der Sommersonnenwende, geht die Sonne bei uns um 05:29 Uhr auf und um 21:26 Uhr unter. Wenn wir keine Anpassung machen, haben wir einen Sonnenaufgang um 04:29 Uhr. Das war sinnvoll, damals, als wir alle noch Felder bestellten. Da nun aber der absolut überwiegende Teil der Bevölkerung im tertiären Sektor arbeitet, brauchen wir keine Sonne um halb fünf Uhr früh. Sie wäre an uns verschwendet. Die meisten von uns sind aber um halb zehn Uhr abends durchaus noch wach, und dieses Sonnenlicht kommt uns zu Gute.

Wenn wir überhaupt etwas abschaffen wollen, dann die Winter- oder Normalzeit. Dafür gibt es sogar eine Petition, und in der FAZ habe ich gerade einen interessanten Kommentar dazu gefunden. Ja, das würde dazu führen, dass es an der Wintersonnenwende schon um 15:38 Uhr* dunkel wird. Aber seien wir ehrlich, im Winter ist uns das doch eh egal.

*Edit: Ich kann nicht rechnen. Natürlich geht die Sonne dann auch im Winter eine Stunde später unter, also um 17:38 Uhr. Dafür geht sie erst um 09:11 Uhr auf. Aber eben, wir sitzen durchschnittlich ab 8 Uhr im Büro, also same/same.

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