Adieu, mein Freund

Jetzt ist es passiert. Seit Wochen habe ich in der Angst gelebt, eines Tages nach Hause zu kommen und Siri dort tot aufzufinden. Letzten Donnerstag war es dann soweit. Ich kam nach Hause, und ich hörte ihn nicht. Was nicht weiter verwunderlich war, denn er hat in letzter Zeit sehr viel geschlafen, mehr, als Katzen sowieso schon schlafen. Er war auch seit ein paar Monaten vollständig taub, weshalb er nicht mehr auf das Öffnen der Tür reagierte. Das gab mir Gelegenheit, mich – zu seiner Empörung – an ihn anzuschleichen. Aber an diesem Tag war es ihm nicht besonders gut gegangen, weshalb ich sofort ein ganz schreckliches Gefühl hatte. Und dann sah ich ihn. Die Totenstarre hatte bereits eingesetzt, er lag wie ein Brett in meinen Händen. Ich habe ihn aufs Sofa gebettet und dann habe ich nur noch geweint.

Das Ende einer Ära

drei Katzen auf einem Sofa
Nicht abgebildet: Invisible Cat

Siris Tod hat mich besonders hart getroffen, denn er war das letzte meiner Viecher. Vor drei Jahren hatte ich noch vier Katzen, jetzt habe ich keine mehr. Sind vier Katzen nicht deutlich zu viel für meine Stadtwohnung? Selbstverständlich. Das war ja auch nicht so geplant. Siri und Ares waren Wunschkatzen, das Jöö und der Mini sind mir mehr so passiert. Insbesondere der Mini, den ich sogar weggegeben hatte, an eine Familie, die in einem hübschen Einfamilienhaus in Höngg lebte. Zwei Kinder, ca. acht Jahre alt, Garten, etc., ideale Voraussetzungen für ein befriedigendes Katzenleben. Nach etwa sechs Wochen riefen sie mich an: der Kater lebte versteckt unter Möbeln und kam höchstens im Schutz der Dunkelheit hervor, um ein bisschen was zu essen und ins Kistchen zu gehen. Auch nach eineinhalb Monaten war keine Annäherung zu beobachten. Also wurde er mir zurückgebracht. Ich befürchtete das Schlimmste; vermutlich würde ich eine schwer traumatisierte Katze vorfinden, die erst wieder an die Umgebung gewöhnt werden müsste. Aber dann stellte die Dame die Transporte Kiste ab, öffnete das Türchen, und der Mini schlenderte heraus. Er schmiegte sich an meine Beine und dann hüpfte er aufs Sofa, wo er einschlief. Einfach so. Damit war die Frage seines Wohnsitzes für uns beide geklärt.

Schwarze Katze auf Sofa
Das Jöö hat ein Anliegen.

Das Jöö hätte auch einen Namen gehabt, einen richtigen, so mit Gravitas und allem. Das Jöö hatte aber keine Gravitas, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Er war eine winzige Katze. Nicht so sehr klein, als sein Leben lang unfassbar dünn, egal, wie viel er frass. Denn er frass nicht wenig, auch nicht weniger als die beiden Grossen, die sicher etwa vier (Siri) bis sechs (Ares) Kilo wogen. Was auch daran lag, dass sie wirklich gross waren. Siri konnte sich auf seine Hinterläufe stellen und so über den Esstisch schauen, dessen Tischplatte etwa einen Meter vom Boden entfernt ist. Das Jöö hatte eine gewöhnlichere Grösse, und kaum Gewicht.

Siri und Ares waren Geschwister. Ares war die unsichtbare Katze: sobald es an der Tür klingelte, war er weg. Er war sowieso gerne weg. Ich hatte ihn mal eine halbe Stunde gesucht, bis ich mehr zufällig bemerkte, dass er erkannt hatte, dass man von oben in den Lavabounterschrank einsteigen konnte. Er hatte sich dort ein Nest aus Klopapier gebaut. Ares mochte keine neuen Menschen. Damit er sich einem zeigte, musste man regelmässig bei mir zu Besuch sein. Um ihn zu transportieren rief ich jeweils die Tierrettung an, die mit Schutzkleidung und Netzen anrückte, da das die einzige Möglichkeit war, ihn einzufangen, ohne das eigene Leben zu riskieren. Aber sonst war er ein Schmusekater. Versprochen. Zumindest bei mir. Er hatte unfassbar feines Fell. Er war sanft und scheu und das Gegenteil seines Namensvetters.

Er war auch das Gegenteil von Siri, den ich gerne „das gestreifte Arschloch“ nannte. Denn Siri war ein Arschloch. So, wie Katzen Arschlöcher sind. Siri war auch der, der mir in Temperament und Verhalten am ähnlichsten war. Er war der Extravertierte, der alle Leute spannend fand. Er war easy bestechlich, wenn man etwas zu essen mitbrachte. Er war von allen der Lauteste, der Aufmerksamkeit aktiv einforderte. Viele Menschen, die mit mir telefoniert haben in den letzten 19 Jahren, wissen, wie Siri klingt. Alle, die schon bei mir zu Hause waren, haben Siri kennengelernt. Das ist ein weiterer Grund, warum seine Abwesenheit so viel deutlicher ist, als die der anderen. Es war nicht schwer, Ares einen ganzen Tag nicht zu sehen; es war unmöglich, an Siri vorbei zukommen, wenn man mehr als zwei Minuten in der Wohnung war.

Und dann ging alles ganz schnell.

Schwarze Katze
Ares, zur Abwechslung mal im Rampenlicht.

Vermutlich bemerkte ich Ares‘ Krankheit so spät, weil er meine unsichtbare Katze war. Als er in seinen letzten Tagen zu mir kam, war alles schon zu spät. Er hatte massiv an Gewicht verloren und war völlig dehydriert. Ich brachte ihn zum Tierarzt, wo er mir die Entscheidung, ob man ihn einschläfern sollte, rasch abnahm. Das war im Oktober 2016, er war knapp 16 Jahre alt.

Beim Jöö nahm ich zur Kenntnis, dass er viel anhänglicher war als sonst, aber abgesehen davon schien alles normal. Er trank. Er frass. Er setzte sich beim Fernsehen auf mich. Und dann kam ich im Januar 2018 nach Hause, und er war tot.

Am 29. Juli 2018 brachte ich den Mini ein zweites Mal zum Arzt. Er hatte wieder Anzeichen gezeigt, dass er sich unwohl fühlte. Ich dachte, die Infektion, wegen der ich ihn Anfang Juli schon einmal in die Praxis gebracht hatte, sei nicht vollständig ausgeheilt. Kurz hin, Spritze, wieder nach Hause, Katze ein paar Stunden sauer, aber tant pis. Dachte ich. Doch dann fanden sie Tumore in seinem Bauch – so viele, dass nichts mehr operiert werden konnte. Es wäre der humanste Weg, ihn gehen zu lassen, damit er nicht länger leiden müsse. Natürlich blieb ich bei ihm, als er einschlief. Aber der Schock sass so tief, dass ich den Rest des Tages nichts mehr mit mir anfangen konnte. Es ist eine furchtbare Erfahrung, eine Katze zum Arzt zu bringen und dann einen leeren Behälter mit nach Hause zu nehmen.

Schwarze Katze auf Sofa.
Der Mini war kompakt und äusserst flauschig.

Und dann blieb Siri. Mein geliebter Tiger. Er war in diesem Moment schon über 17. In Menschenjahren sind das 85. Aber es gibt Katzen, die erreichen ein geradezu biblisches Alter. Es ging ihm gut, auch wenn er sich merklich allein fühlte. Ich hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht gleich nach Hause kam. Dass ich mich überhaupt erdreistete, zur Arbeit zu gehen! Da hielt sich sein Verständnis stark in Grenzen. Ich hoffte, noch ein paar Jahre Zeit mit ihm verbringen zu können. Aber es sollte nicht sein. Dass er taub wurde, war nicht so schlimm. Nur sein Miauen wurde noch lauter. Doch dann verlor er ganz schnell ganz viel Gewicht. Wenn ich ihn streichelte, konnte ich alle seine Knochen fühlen, jeden einzelnen Wirbel. Er wurde noch schnäderfräsiger als sonst. Ich probierte alles durch: nachdem er das gewöhnliche Futter nicht mehr wollte, brachte ich ihm die Tierfleischwurst von Migros, dann direkt die Rindfleischreste, die sie verkaufen. Das hat er mal gefressen, mal nicht. Ich machte mir Sorgen. Zum Tierarzt bin ich nicht mit ihm. Was hätte der mir sagen wollen? Die Katze war fast 19 Jahre alt, er war nicht krank, sondern… alt. Und dann, als ich letzten Donnerstag nach Hause kam, hatte auch er mich verlassen.

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Die Dame vom Tierspital war sehr nett, als ich um ein Uhr nachts mit zwei Freundinnen vorbei kam. Meine Schwester hatte sie in Kenntnis gesetzt. Sie nahm mir den Leichnam ab und bettete ihn in einem Untersuchungszimmer auf einen Tisch. Wir konnten uns so viel Zeit wie nötig nehmen, um uns zu verabschieden. Irgendwann diese Woche muss ich anrufen, um ihnen zu sagen, welche Urne es denn werden soll. Es pressiere nicht.

Trauer, Schuld und Erleichterung

Es ist schwer, in Worten auszudrücken, wie sehr ich Siri vermisse. Diese letzten Monate, die wir allein waren, haben mir unendlich viel bedeutet. Und natürlich mache ich mir Vorwürfe. Wenn ich zu Hause gewesen wäre, würde er noch leben? Habe ich genug für ihn getan? Hatten sie es gut bei mir? Und dann fühle ich mich schuldig, weil ich auch erleichtert bin: das Schlimmste ist passiert. Die Anspannung ist weg, ich kann fast schon gelassen in das tiefe Loch der Trauer sinken. Ist es illoyal, verarbeiten zu wollen?

Es wird keine neue Katze geben.

Zumindest vorläufig nicht. Vermutlich über Jahre nicht. Natürlich drehe ich mich um, jedes mal, wenn irgendwo in der Wohnung etwas raschelt. Ich bin seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in eine Wohnung gekommen, in der niemand auf mich wartet. Aber Katzen sind Leute, und neue Katzen sind neue Leute, die Siri, Ares, den Mini oder das Jöö in keiner Form ersetzen können. Es wären nur wieder neue Wesen, deren Tod ich dann irgendwann zu betrauern hätte. Und gerade bin ich noch damit beschäftigt, um Siri zu trauern, mein über alle Massen geliebtes gestreiftes Arschloch-Busseli, das ich 18 Jahre, sieben Monate und sechs Tage in meinem Leben hatte. Mein Herz ist gebrochen.

Adieu, geliebter Freund.

 

2 Kommentare zu „Adieu, mein Freund

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