Die Namenlosen

Ich bin Systemtechnikerin. Gerade habe ich für eine Familie, ich nenne sie mal „Familie C.“, ein NAS aufgesetzt, so eine Art Mini-Server. Vom Kunden hatte ich eine Vorgabe bekommen, welche Benutzer aufzusetzen sind, und wie deren Berechtigungen zu vergeben sind. Der aufmerksamen Leserschaft fällt vielleicht auf, dass ich keine der in meinen Texten üblichen weiblich/männlich-Formen benutzt habe. Das ist korrekt. Denn ich habe hier nur Benutzer aufzusetzen.

Der Familienvater, sagen wir „Amedeo“, erhält einen Benutzernamen und eine eigene Ablage, nebst Zugang zu allen anderen Dokumenten. Seine beiden Söhne, ich will sie „Luca“ und „Gianni“ nennen, erhalten auch je einen eigenen Zugang und eigene Ablagen. Ich habe diese so eingerichtet, dass Unberechtigte nicht auf Unterordner und ähnliches schauen können, um den beiden Jungs eine Privatsphäre zuzugestehen. Wenn also Gianni seinen geheimen Porn-Stash auf dem Familienserver aufbewahren will, dann kann er das jetzt.

Und dann gibt es noch den User „Familie“. Wer ist Familie? Ich meine, sind nicht alle Komponenten von Familie schon einzeln aufgelistet? Oder gibt es am Ende doch noch eine Mutter/Ehefrau/weibliche Person in dieser Konstellation?
Familie hat keine eigene Ablage, keine exklusiven Zugangsrechte. Familie hat Zugriff auf Finanzen und ähnliches, aufs Werkzeug, aber Familie ist keine eigenständige Person mit Privatsphäre, mit einem virtuellen Raum für sich selbst. Es ist noch nicht einmal klar, ob Familie nur eine Person ist oder mehrere; hinter dem Sammelbegriff können sich im schlimmsten Fall sämtliche Personen des Haushalts verbergen, auch die, die bereits ihr eigenes virtuelles Zimmerchen haben.

Übertreibe ich nicht ein bisschen?

a room of one's ownNein.

Virgina Woolf hat ihr Essay, „A Room of One’s Own“ 1929 geschrieben. In diesem geht es um die Notwendigkeit, dass Frauen wörtlich und figurativ Raum zur Verfügung stehen muss, damit wir schreiben können. Ich sitze hier in diesem, meinem Raum, und zu meiner bevorzugten Zeit, aber ich kann das natürlich nur, weil ich allein wohne und keine Kinder haben. In der, sagen wir, traditionellen Welt scheinen wir indes noch keinen Schritt weiter zu sein. Wenn heterosexuelle Paare zusammenziehen, dann richten sie sich normalerweise ein gemeinsames Schlafzimmer und ein ebenso gemeinsames Wohnzimmer ein. Eventuell braucht es Kinderzimmer, manchmal gibt es zusätzliche Zimmer, die keinen definierten Nutzen haben. Wenn ein solcher Raum zur Verfügung steht, dann werden sie oft zum Büro, manchmal zu seinem Büro. Oft höre ich Frauen sagen, sie wollen ein Ankleidezimmer, und ich kann das verstehen. Ich richte nicht darüber, ob die einen Interessen valider sind als andere. Die Frage stellt sich allerdings, ob in Mädchen überhaupt je die Idee eines Raumes für sie allein gefördert wird.

Männer von Namen und nackte Frauen

Die Stadt Zürich, wie viele europäische Städte, ist voll von Statuen. Das kam vor hundert, hundertfünfzig Jahren mal in Mode, und wenn man in der Innenstadt unterwegs ist, dann kann man sich allpott an bildungstechnisch wertvollen Bildnissen und dazugehörigen Informationsplaketten erfreuen.

Direkt vor dem Bahnhof steht zum Beispiel Herr Escher. Herr Alfred Escher, Spross einer wichtigen Industriellen-Familie, war ein umtriebiger Mann, bekannt als Jurist, Politiker und Wirtschaftsführer. Der Grund allerdings, weshalb seine Statue direkt vor dem Hauptbahnhof steht, ist, dass er einer der Urväter des schweizerischen Schienenverkehrs ist.  Woher weiss ich das alles? Ich hab’s nachgelesen, so aus Neugier, nachdem ich die Statue gesehen hatte. Spannend, wie das läuft, oder? Ich sehe eine figürliche Repräsentation einer Person und als Folge erfahre ich, wer diese Person war. Es ist fast so, als ob diese Statue zum Gedenken an Herrn Escher ihren Zweck erfüllen würde: es wird seiner gedacht, er wird nicht vergessen.

Wir sehen viele solche Statuen in Zürich. Wenige hundert Meter von Herrn Escher entfernt steht Herr Pestalozzi. Wer nicht weiss, wer das ist, ist ein/e ganz schlechte/r Schweizer/in. Selbstverständlich finden wir Hans Waldmanns Statue vor dem Stadthaus, drüben bei der Wasserkirche steht eben so selbstverständlich Huldrych Zwingli. Niemandem von ihnen spreche ich ihre Signifikanz ab, denn sie alle haben Zürich mit zu dem gemacht, was es ist.

Aber: wo sind die Frauen? Gab es keine historisch interessanten Frauen in Zürich? Oder wieso finde ich keine mit Namen und Verdienst angeschriebenen Statuen von Frauen in der Stadt? Diese Frage habe ich mir insbesondere am 8. März dieses Jahres, also am Internationalen Tag der Frau, gestellt. Daher habe ich eine Mail an unsere Stadtpräsidentin geschrieben.

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Eine typische Frauenstatue in Zürich. Ich weiss. Vorteilhaft.

Sehr geehrte Mitarbeitende des Präsidialdepartements, sehr geehrte Stadtpräsidentin

Als ich kürzlich wieder einmal in der Altstadt unterwegs war, bin ich am Stadthaus vorbeigekommen, und natürlich auch an der Statue von Hans Waldmann. Ihm will ich seine Bedeutung gar nicht absprechen. Auch nicht den anderen, zahlreichen Männern, die mit Kleidern, Namen und Vermächtnis in der Stadt als Statuen herumstehen. Persönlich bin ich ein grosser Fan von Herrn Pestalozzi.

Dem gegenüber stehen – oder öfters, liegen – jedoch all die Statuen von nackten, namenlosen Frauen. Es ist fast, als ob Frauen, in Zürich wie im Rest der Welt, lediglich als Objekte eine Daseinsberechtigung hätten, ohne Geschichte und ohne Einfluss, reine Dekoration.

Wo sind unsere namhaften Frauen? Zumindest, und wir sprechen hier vom absoluten Minimum, erwarte ich Statuen für Johanna Spyri und Katharina von Zimmern. Frau Spyri ist eine der wohl wichtigsten Autorinnen, die die Schweiz je hervorgebracht hat. Das wissen Sie. Was Sie vielleicht nicht wissen, ist dass sie eine Patientin von Marie Heim-Vögtlin war, der ersten Frau, die an der Universität Zürich das Medizinstudium abschloss und als Ärztin zugelassen wurde. Auch sie hätte eine Statue verdient. Natürlich haben beide Strassen, die nach ihnen benannt sind, aber bei Pestalozzi und Escher, beispielsweise, hat’s ja auch für beides gereicht.

Und Katharina von Zimmern? Nur ihr haben wir den sauberen Übergang Zürichs in die Hände des Volkes während der Reformation zu verdanken! Ein Stapel Klötze im Inneren des Klosters ist schön und gut, aber hätte nicht gerade sie, deren Verdienst dessen Waldmanns in keiner Weise nachsteht, eine sichtbare, figürliche Präsenz im Stadtzentrum verdient?

Wie gesagt, das ist das gerade noch tolerierbare Minimum, das wir anstreben müssen. Die Zukunft ist das, was wir uns vorstellen können; durch die Abwesenheit wichtiger Frauen im öffentlichen Raum fehlen auch heute noch, im 21. Jahrhundert und 24 Jahre nach dem Gleichstellungsgesetz, fundamentale weibliche Rollenbilder in der Stadt Zürich.

Ich freue mich darauf, von Ihren Plänen dahingehend zu hören und wünsche Ihnen einen schönen Tag der Frau 2019.



Denkmal an Katharina von Zimmern im Fraumünsterhof
Nebst namenlosen Körpern haben wir auch körperlose Namen im Angebot: Ich meine wörtlich einen Stapel Klötze. Bild aus den Wikimedia Commons.

Ich habe dann natürlich aus dem Präsidialdepartement auch Antwort bekommen. Natürlich, weil wir in der Schweiz davon ausgehen dürfen, gehört zu werden. Ich meine, ich bekam 2001, als ich mich mit Besorgnis an unsere Vorsteherin des Eidgenössischen Departement des Äusseren wandte, innert drei Tagen eine eMail zurück, in ihrer eigenen Stimme verfasst. Das ist eine, mir scheint, sehr schweizerische Sache. In der Replik der Stadt Zürich wurde dann Folgendes angesprochen:

  • Grundsätzlich teilen sie meine Einschätzung der Situation, dass die Sichtbarkeit der Frauen im öffentlichen Raum nach wie vor ein Thema ist.
  • Der Brauch, bildliche Statuen zu errichten, ist eng mit der damaligen (erste Hälfte 20. Jahrhundert) Gedenkkultur verbunden. Heutzutage tendieren wir zu abstrakteren Repräsentationen, wie zum Beispiel auch dem Holocaust Denkmal in Berlin.
  • Wo immer möglich werden Strassen nach wichtigen Frauen benannt; allein in Neu-Oerlikon gibt es 14 Strassen und Plätze, die Frauen gedenken. Darunter zum Beispiel Sophie Täuber, Regina Kägi oder Else Lasker-Schüler.
  • Des weiteren setzt sich die Fachstelle für Gleichberechtigung insbesondere für „die Förderung moderner Rollen- und Familienbilder in der Gesellschaft oder die Verwendung einer gendergerechten Sprache“ ein.

Am Ende wird auf das Buch „Miis Züri“ verwiesen: ein Stadtführer, der die Errungenschaften der Zürcherinnen dokumentiert.  Die Vernissage des Buches fand damals im Zürcher Rathaus statt und wurde von der Stadtpräsidentin eröffnet, wird mir in Erinnerung gerufen. Ich weiss. Ich war dabei.

Ich weiss die Antwort sehr zu schätzen; dass sich hier die Zeit genommen wurde, meine Anfrage mit Fachpersonen zu besprechen, und dann diese umfangreiche eMail zu verfassen. Was ich nicht wirklich weiss, ist, ob Strassennamen und Metallklötze schlussendlich genug sein werden, um den Frauen ihren Platz im Raum und in der Geschichte – im Bewusstsein der Menschen – zuzugestehen. Denn solange die Männer alle Kleider und Namen haben und die Frauen nicht, bleibt das Bild in den Köpfen der Betrachtenden wohl unverändert.

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Eine namenlose Nackte vor dem Opernhaus.

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