Das mit dem Small Talk

Ich finde sie immer wieder in den Social Media, diese Memes zu Small Talk, die in etwa so funktionieren:


Ich hasse Small Talk! Ich will über das Leben reden und den Tod! Über Wissenschaft, Politik und Religion! Über Musik und die Dinge, die uns tief berühren und bewegen! Ich will kein oberflächliches „wie geht’s?“, ich will wissen, was der Sinn des Lebens ist und was dich nachts wach hält.


Dann gehen Leute, die sowas posten, oft dazu über, sich selbst als introvertiert zu bezeichnen. Sie sind interessiert an „tiefgründigen“ Leuten und Gesprächen. Natürlich verabscheuen sie Oberflächlichkeit. Natürlich. Leider haben sie dabei vollkommen verpasst, worum es bei Small Talk geht. Dieser ist nämlich nicht weniger als ein Indikator dafür, wie gesellschaftsfähig eine Person ist. Davon, dass es dich nicht interessiert „wie’s mir geht“ wollen wir gar nicht erst anfangen.

small talk by xkcd

Diese Leute. Die hat man gerne an Parties. (c) XKCD

Die natürliche Distanz zwischen Fremden

Wieviel physische Distanz zwischen Unbekannten existieren sollte ist von Kultur zu Kultur verschieden. Als Schweizerin standen für mein Verständnis bisher alle SüdeuropäerInnen, die ich kennen lernte, zu nahe. Ich gehe von einer Armlänge als Minimum des höflichen Abstands aus. Und auch wenn kulturelle Unterschiede bestehen, wissen wir alle, wann uns jemand zu nahe kommt. Wir benutzen körperliche Distanz beispielsweise als nonverbales Kommunikationsmittel. Habt ihr das schon einmal beobachtet? Wie bei einem Gespräch die eine Person konstant einen Schritt auf die andere Person zugeht, letztere aber stetig zurückweicht? Dort laufen gerade zwei Skripts: Person 1 sagt, „hör mir zu, schau mich an, beschäftige dich mit mir“, während Person 2 unmissverständlich mitteilt, dass ein höchstens begrenztes Interesse besteht. Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich an diese Art Situation denke. Wie kann es sein, dass Menschen sooo begriffsstutzig sind? Aber ich schweife ab.

Wir benutzen den Abstand zwischen zwei Körpern als Ausdruck einer Befindlichkeit. Wenn wir drohen wollen, plustern wir uns auf und gehen auf die/den GegnerIn zu. Wenn wir jemandem emotional ausweichen wollen, tun wir das oft auch körperlich. Und der Manspreader im öffentlichen Verkehr? Nimmt ganz bewusst mehr Platz ein, als ihm zusteht. Auch das ist ein Statement.

Genauso wie wir den körperlichen Abstand, den Fremde uns gegenüber wahren, als Gradmesser für ihre soziale Kompetenz wahrnehmen, werten wir die verbale Distanz, mit der Menschen uns begegnen. Und das ist eine der wesentlichen Funktionen des Small Talks: der Umgang damit zeigt, ob jemand fähig ist, mit fremden Menschen ein Gespräch anzufangen, dass die notwendige Distanz wahrt. Deshalb gibt es in jeder Kultur Themen, die unverfänglich angesprochen werden können. Zum Beispiel das Wetter.

Es geht nicht um das Wetter

Eine Freundin fragte neulich auf Facebook, worüber wir am häufigsten Small Talk führen müssen. Meine Antwort war diese:


„Über das Wetter. Ich erkenne diese Sorte Small Talk als wichtigen gesellschaftlichen Kitt. Wir sprechen über das Wetter, aber eigentlich geht es um Befindlichkeiten, die im Wetter nur widergespiegelt sind. Wetter ist ein Eisbrecher (ha!), ein unaufdringliches Nachfragen, eine Zuflucht der höflichen Konversation.“


Denn es geht nun mal nicht ums Wetter. Wenn jemand über das Wetter spricht, spricht sie/er oft über den eigenen Gemütszustand. Man kann aus dem Tonfall und der Wortwahl lesen, wie es der/dem Angesprochenen geht, ohne direkt persönlich zu werden.

Aussage Mögliche Interpretation
„Es ist kalt, aber schön.“ = Ich sehe das Positive, auch wenn ich friere.
„Es ist schön, aber kalt.“ = Mir geht es nicht gut genug um zu würdigen, dass es schön ist.
„Ey Alte, was interessiert mich Wetter bei der Weltlage?“ = Ich bin nicht fähig höfliche Konversation zu führen.

Ja, das ist nicht allgemeingültig. Aber es sind überraschend viele Kulturen, für die die Konversation über das Wetter der Eisbrecher ist. Zum Beispiel legt mir mein Reiseführer für Japan nahe, die Begriffe rund ums Wetter zu lernen, da man scheinbar einfach so an der Busstation darauf angesprochen werden kann, sogar als Gaijin.

Vor allem benutzen wir auch laufend Wetter-Metaphern, um uns über Gefühle zu unterhalten. Jemand hat ein „sonniges“ Gemüt. Eine Andere macht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Dem hier hat’s die Laune verhagelt. Das altenglische Wort „wintercearig“ bedeutet „voller Trauer“ – wie Winter halt. Wir sprechen nicht über das Wetter, wenn wir über das Wetter sprechen.

„Ich will aber keine Höflichkeit, ich will AUTHENTIZITÄT!“

Ich kenne solche Leute. Die werden oft nicht älter als dreissig mit dieser Einstellung. Also, sie bleiben schon am Leben nach dem 29. Lebensjahr, aber ihre Attitüde nicht. Naja, ausser, sie sind so die völlig Unangepassten. Punks und so. Und ich habe nichts gegen Punks, ausser dass sie echt mehr Selbstironie haben müssten, angesichts dessen, wie sie entstanden sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Die meisten Menschen lernen im Laufe ihres Lebens eine grundsätzliche Höflichkeit. Nicht einmal unter Freunden ist es okay, einfach so mit der Tür ins Haus zu fallen. Seht ihr, wir haben sogar einen Begriff dafür, wenn Leute nicht fähig sind mit Small Talk umzugehen! Denn auch wenn wir uns mit denen unterhalten, die wir schon kennen, ist so eine Art Vorspiel zum Gespräch eine schöne Sache. Ein paar Floskeln am Anfang und am Ende lassen die eigentliche Konversation sanft an- und wieder ausklingen. Denn seien wir ehrlich, alles andere klingt für uns auch verdammt unhöflich. Man stelle sich ein Telefongespräch vor, das mir nichts, dir nichts, einfach endet. Könnt ihr euch auch nur ansatzweise vorstellen, was los wäre, wenn ich meiner Mutter nicht vor Beendigung des Telefonats noch einen schönen Nachmittag/Abend/eine gute Nacht wünschen würde? Eben.

Aber sprechen wir Tacheles: Authentizität muss man sich verdienen. Woher weiss ich denn spontan, dass ich mit jemandem über meine tiefsten, inneren Ängste und Träume sprechen will? Gerade habe ich dieses Zitat gefunden:


„Introverts do not hate small talk because we dislike people. We hate small talk because we hate the barrier it creates between people“ – Laurie Helgoe

„Introvertierte hassen Small Talk nicht, weil wir Menschen nicht mögen. Wir hassen Small Talk wegen der Barrieren, die er zwischen Menschen errichtet.“


Liebe Laurie, ich will dir und deinen introvertierten FreundInnen nicht zu nahe treten (see what I did there??), aber das ist genau der Zweck. Mein Gehirn und mein Leben haben nicht Tag der offenen Tür, nur weil du vor mir stehst. Meine Wohnung hat Vorhänge und verschliessbare Öffnungen, und so verhält es sich auch mit meinem Geist. Mein Leben ist kein Jekami. Bevor ich weiss, ob ich mit jemandem über meine Gesundheit oder meine Religion sprechen will muss ich – will ich! – prüfen, wie die Person sich im Allgemeinen verhält.

Rein die Art und Weise, wie jemand über beispielsweise ihren/seinen Beruf oder  ihr/sein Studium spricht, lässt mich Rückschlüsse zur Person ziehen. Wenn einer sich damit brüstet, dass nur die mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen „echte Wissenschaft“ sind (wir sprechen hier über wahre Begebenheiten), dann will ich mit ihm nicht über Linguistik oder Religion sprechen. Wenn sie mir in den ersten vier Sätzen schon erzählt, dass sie ihren Job so sehr hasst, ihre Eltern sie nie geliebt haben und alle sie nur ausnutzen, dann weiss ich, dass diese distanzlose Person vom selbstgebastelten Drama lebt. Jetzt stellt euch vor, ich hätte mit einem Thema angefangen, dass heikel und gegebenenfalls persönlich ist. Soll ich mir von Herrn STEM Rape Culture mansplainen lassen? Oder mir bei Frau Alkoholikerin Rat zum Umgang mit existenziellen Ängsten holen? Ich glaube nicht.

eine Frau im Anzug springt von einer Klippe über einer Grossstadt.

Sonst kann ich mich ja auch gleich ohne schauen von ner Klippe stürzen.

In dem Thread, den meine Freundin dort auf Facebook losgetreten hatte, kamen übrigens schockierende Dinge zutage. Eine Frau im Rollstuhl zum Beispiel beschreibt, dass die Frage, die sie am häufigsten als Gesprächseröffnung hört, diese ist: „Was ist denn mit dir passiert?“ Genau sowas meine ich. Was soll das denn? Das ist eine bodenlose Frechheit, an Aufdringlichkeit kaum zu übertreffen. Jahaaa, liebe Laurie, das ist sicher eins der echten, authentischen, tiefen Themen. Gleichzeitig geht es dich aber auch einen Scheissdreck an, Laurie.  
Oder bitte, frag mich doch mal wieder, wo ich herkomme. I dare you, motherfucker. Weil ich so aussehe, als hätte ich Lust, jeder/jedem dahergelaufenen VollidiotIn meine gesamte Familienchronik zu erklären, nehme ich an? Schon mal kurz darüber nachgedacht, dass dieses pseudo-tiefgründige Gehabe auch einfach nur höchst banale Neugier sein könnte?

Zweifellos ist es belegt, wie gut sich echte Psychopathen (also die mit der effektiven Pathologie) in Small Talk Situationen zurechtfinden. Die wahrhaftigen Axtmörder kann ich durch gewiefte Konversation also nicht herausfiltern. Dafür aber die Dramakings und -queens, die Schwarzen Bretter und die SeelenschmarotzerInnen. Das ist doch auch schon was.

Das Wetter ist übrigens recht verhangen gerade. Ich habe heute vier Paar Ärmel an. Es wird Winter.

 

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