Der grosse Kanton und wir: How to Deutsch in der Schweiz

Die Deutschen. Sie sind das Gegenteil unserer Lieblingsausländer/innen. Es ist ein ganz besonderes Verhältnis zwischen der Schweiz und unseren deutschen Immigrant/innen. Niemand sonst hat bessere Voraussetzungen, sich nahtlos zu integrieren, und niemand sonst ist unfähiger – oder unwilliger – diese umzusetzen.

Eine Geschichte voller Missverständnisse

Heidi aus dem japanischen Anime.
Die Schweiz aus japanischer Sicht.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man in Deutschland denkt, dass die Schweiz grundsätzlich aussieht wie bei Heidi. Das ist natürlich nicht völlig daneben, aber, gelinde gesagt, ein nicht ganz vollständiges Bild. Die Schweiz hat nur etwa 10% der Einwohner/innen Deutschlands, was uns sehr wohl handlich und überschaubar macht. Da wir nicht wahnsinnig viele Leute sind, sind unsere Städte vergleichsweise klein. Aber wie Winston Churchill schon sagte, die Grösse eines Volkes leitet sich so wenig von der Einwohnerzahl ab, wie die Grösse eines Menschen an dessen Statur festgemacht werden kann. Zumindest denke ich, er habe das gesagt. Ich finde das Zitat gerade nicht wieder. Unrecht hat der Mensch nicht. Schlussendlich geht es aber nicht so sehr um unsere Grösse, sondern um den Irrtum, wir seien wie Deutschland, einfach in klein.

Anmerkung: Wenn ich in der Folge von Deutschen und Schweizer/innen spreche, dann meine ich alle die Menschen, die in diesen Ländern aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, unabhängig von Genetik oder Nationalität. Nurture > Nature.

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Die Frage nach der Identität

Gerade letzte Woche habe ich mich darüber ausgelassen, wie sehr ich es hasse, nach meiner Herkunft befragt zu werden. Beim Schreiben jenes Posts ist mir aufgefallen, dass die Thematik viel verzwickter ist, als ich im ersten Ärger – machen wir uns nichts vor, Ärger ist in 90% meiner Posts die treibende Kraft – erfasst hatte. Als gemischtrassiger Mensch aufzuwachsen stellt einen gerne vor Probleme, die man zum Beispiel als Kind von Eltern der gleichen Nationalität so nicht kennt. Denn als Kind ist eine Frage sehr zentral: wo gehöre ich eigentlich hin?

Man kann der Verpackung nicht alles glauben.

Mein Aussehen ist kulturell nicht eindeutig, oder zumindest war es das nicht, als ich noch jünger war. Das hat weniger mit mir zu tun als mit der Weltgeschichte, die meine sichtbare Ethnie in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt hat. Wenn meine Physiognomie dereinst nur für andere Araber/innen und für Franzosen/Französinnen eine eindeutige Zuordnung zuliess, weiss inzwischen auch der Rest der Welt in etwa, wie „diese Leute“ aussehen. „Diese Leute“ sind heutzutage Flüchtlinge, Terroristen oder beides. Entsprechend weckt mein Äusseres Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann (oder will). Gerade eben, vor ca. 40 Minuten, bin ich wieder angesprochen worden. Ein Mann ging an mir vorbei, drehte sich zu mir um und sagte: „Assalamu alaikum.“ Ich nickte zum Gruss, und er fragte, „arabiya?“, also ob ich Araberin sei. Da ich gerade nicht in Stimmung war, meine ganze Familiengeschichte auszubreiten, sagte ich nein. Und während das nicht ganz richtig ist, ist es auch nicht falsch, denn meine Basisprogrammierung ist nun mal nicht arabisch. Zum Beispiel:

  • Ich bin Protestantin, nicht Muslimin.
  • Ich spreche kein Wort Arabisch.
  • Religionen, die keinen Speck zulassen, sind für mich ungeeignet.
  • Ich bin ein Bünzli.
  • Ich habe kein „südländisches Temperament“.
  • Ordnung ist wichtiger als „Lebensfreude“.
  • Was auch immer du da tust, tu es leise.

Eine amerikanische Bekannte, der ich neulich Hilfe beim Umgang mit der Schulleitung ihrer Kinder angeboten hatte, sagte nach einem kurzen Abriss meines Lebens: „Oh mein Gott! Du bist ja richtig von hier! Du bist effektiv eine Schweizerin!“ Da wir uns an einem Treffen für farbige Frauen kennengelernt hatten und uns ausschliesslich in Englisch unterhielten, nehme ich ihr ihre Überraschung nicht übel. Natürlich ist das aber auch die Wahrheit: ich bin hier aufgewachsen, ich kenne nichts anderes. Ich bin, kulturell gesehen, Stadtzürcherin.

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Aber woher kommst du wirklich? 

Ich wurde in der Maternité des Stadtspitals Triemli geboren und bin in einem Haus aufgewachsen, dass sich 450m (Luftlinie) davon entfernt befindet. Mein Kindergarten war vom Küchenfenster aus sichtbar, ebenso meine Sekundarschule (also, vom Balkon aus). Mein Primarschulhaus stand – 370m von meinen Wohnhaus entfernt – direkt hinter der Kirche, in der ich getauft worden war. Mit 14 Jahren bin ich ins Gymnasium gekommen, und musste erstmals mit den ÖV zur Schule, in den angrenzenden Kreis 2. Erst mit 28 bin ich von Wiedikon ans andere Ende der Stadt gezogen, nach Oerlikon. Wenn ich also gefragt werde, woher ich „wirklich“ komme, dann denke ich

Wiedike, Motherfucker, do you know it?
„Say ‚where‘ one more fucking time.“

Aber ich sage: „Us Wiedike. Werum?“

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Die NoBillag-Initiative, oder auch: postfaktische Politik

Gute Neuigkeiten! Die Abstimmungsunterlagen sind da! Jetzt, meine Damen und Herren, geht es um alles. Deshalb zur Einstimmung dieser kurze Text:


Präambel zur Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

geben sich folgende Verfassung: […]


Das da oben ist die Präambel zur Bundesverfassung. Deshalb ist sie so angeschrieben. „Präambel“ ist der elegantere Ausdruck für „Vorwort“, weshalb die Hälfte des Landes das Ding noch nie gelesen hat. Danach kommt diese religiöse Bekundung, die der Grund ist, warum die andere Hälfte des Landes die Präambel nicht gelesen hat. Aber lest sie doch jetzt mal. Ist okay, ich warte. Wir können nämlich stolz sein auf dieses Stück Verfassung. Ich habe mir die Freiheit genommen, zwei Passagen hervorzuheben. Der Grund dafür sollte sich aus dem folgenden Text ergeben.

Die Sache mit der Billag

Gelinde gesagt, mir reicht’s. Ich habe die Schnauze voll von den uninformierten Kommentaren zur NoBillag Initiative. Ja, die Billag ist problematisch in ihrem Auftreten. Ja, ihre Methoden sind zum Kotzen. Ja, sie haben tatsächlich nicht begriffen, dass sie einen Kundendienst leisten. Sie benehmen sich Scheisse, sie haben nicht das leiseste Taktgefühl und halten wohl allgemein nicht viel von normalen menschlichen Umgangsformen. Das ist alles korrekt. Nichts davon ist aber in irgend einer Form relevant. Denn es geht, mit Verlaub, nicht um die Billag.

Es geht um den Fortbestand des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens, eines Grundpfeilers jeder gesunden Demokratie.

Es war ein cleverer Schachzug, die Initiative „NoBillag“ zu nennen, und nicht etwa „NoSRF“ oder „NoSRG“. Die Billag ist, wie oben dargestellt, ein idealer Buhmann. Wir alle hassen sie. Alle. Und dann wollen die jedes Jahr 460 CHF? Für was eigentlich? Ha! Ja, eben, da kommen wir zu des Pudels Kern: für das Schweizer Radio und Fernsehen. Und da geht es nun mal um viel mehr als nur Tennis mit Federer und Glanz und Gloria.

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Migros vs. Coop: New Kid in Town

Durch die Schweizer Bevölkerung läuft eine Schneise, die uns in zwei Lager teilt. Es ist eine harte Grenze, definierter als die zwischen deutsch- und französischsprachigen SchweizerInnen, eine Glaubensfrage, die tiefer greift als die Kluft zwischen Katholizismus und Protestantentum, es ist die schweizerische Gretchenfrage: bist du ein Migros-Kind oder ein Coop-Kind?

Ein M besser
Ich bin ein Migros-Kind.

Diese Fixierung wird vererbt. Wenn die Eltern Migros-Kinder waren, wird der Nachwuchs auch schon früh dahingehend geprägt. Schwierig wird es, wenn sich ein Migros-Kind mit einem Coop-Kind einlässt und sich in der Folge fortpflanzt: wer gewinnt? Nun, natürlich die Person, die die Einkäufe erledigt.

Selbstverständlich spielt manchmal Proximität eine Rolle. Ich habe gehört, dass es auf dem Land Menschen gibt, die weder Migros- noch Coop-Kinder sind, weil halt weder das eine noch das andere vor Ort verfügbar war. Sie sind mit Volg aufgewachsen, oder Landi. Ich weiss. Landi. Da kann man sich schon vorstellen, warum das Stadtkind noch nie so einen von innen gesehen hat. Wie gesagt, es kommt durchaus darauf an, was verfügbar ist – in der Frühphase. Und es ist tatsächlich so, dass Migros in meiner Kindheit näher war als Coop. Ist die Indoktrination aber komplett, verliert dieser Umstand jegliche Relevanz. Dort, wo ich jetzt wohne, ist Coop klar in der geographisch besseren Position. Nützt aber nichts: ich fahre im Ernstfall – wenn ich die regulären Öffnungszeiten verpasst habe – lieber 25 Minuten zum Flughafen raus, als zum Coop, der zwei Tramstationen von mir entfernt ist, und etwas länger offen hat als die nächste Migros.

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