Das fette Leben: Relativität

Neulich hat eine gute Freundin von mir zum heiteren Kleidertausch geladen. Was eine absolut tolle Idee ist: man findet gratis was Neues zum anziehen, und wird mit etwas Glück von dem eigenen Zeug, das man seit grob geschätzt 800 Jahren nicht mehr getragen hat, etwas los. Soweit, so gut. Aber natürlich kann unsereins da nicht einfach so auftauchen, weshalb ich dann im Vorfeld schon gefragt habe, ob sie dann auch andere fette Frauen eingeladen hätte. Sonst sind meine Optionen stark eingeschränkt, da in die Hose, die die entsprechende Freundin trägt, höchstens mein linker Arm reinpasst. Mir wurde zugesichert, dass ausreichend Kleider für mich vorhanden sein würden.

Und das waren sie! Ich habe, zu meiner grossen Freude, vier neue Oberteile und ein Paar Hosen. Sogar von meinen Kleidern ist was weggegangen, natürlich hauptsächlich Zeugs, das mir sowieso hoffnungslos zu klein war. Ihr kennt diese Sorte Kleider: die „eines Tages“ Kleider. Solche habe ich eigentlich schon lange keine mehr, diese hier waren die letzten Überlebenden. Nachtrauern tue ich nur den schwarzen Leggings mit dem goldfarbenen Barock-Druck drauf, aber diese sind zum Glück nun in guten Händen.

Als wir da so zusammensassen, inmitten von Haufen von Textilien und grosszügig mit Tee und Guetsli versorgt, kamen wir auf die Sache mit den Kleidergrössen zu sprechen. Und da fiel mir diese Geschichte ein, die ich zwar geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe. Nun denn, wertes Publikum: Es war einmal in München.

Es war einmal in München

Ich habe diesen Sommer einen weitreichenden Entschluss gefasst: Diesen Sommer werde ich, Nahret, im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte, für diesen, meinen fetten Hintern, Shorts kaufen! Shorts. Short Shorts. Also Hosen, praktisch, die meine Knie nicht bedecken. Solche, mit denen man an Plastikstühlen festklebt, und wo man dann auch ein eher kürzeres Shirt dazu anzieht, damit es nicht aussieht, als hätte frau gar keine Hose an.  Kurzum (haha!), Shorts, wie sie in den 80er Jahren normal gewesen wären.

short shorts

Ihr wisst schon. Short Shorts.

Wie es der Zufall ergab, war ich neulich in München und habe mich dort in diesen exotischen Laden, C&A, begeben. Ja, doch, den gibt es bei uns auch. Und der Preisunterschied ist vernachlässigbar. Aber vielleicht hatte ich zu wenige kurze Hosen eingepackt für das Wetter. Kann ja mal vorkommen. Wer erwartet schon so eine Affenhitze in München, im Juli! (Alle die Menschen, die Wetterberichte lesen.) Wie gesagt, ich war also in München bei C&A. In meiner Eigenschaft als fette Frau habe ich pflichtbewusst die erstbeste Beraterin nach der mir angepassten Abteilung gefragt und wurde auch umgehend in den ersten Stock geschickt. Dort angekommen, erblickte ich natürlich zuerst die Kleider im Stil «Grossmutters Vorhang», deren Muster und Schnitt ich mich mit meinen jungen 43 Jahren noch nicht gewachsen fühlte. Also begann die Suche in den Regalen.

Diese gestaltete sich kurz. Wir kennen das. Wir sind eine Randgruppe (lol, nein), und die für uns verfügbaren Kleidungsstücke können überschaubar auf der Fläche einer durchschnittlichen Stadtzürcher Zweizimmerwohnung (Altbau) untergebracht werden. Immerhin hatte ich ein Paar Hosen in meiner Grösse (50) gefunden. Es war nicht wahnsinnig hübsch, aber in der Not trägt der Teufel Fliegen.

Nachdem ich lediglich eine Viertelstunde in der Schlange vor den Umkleidekabinen zugebracht hatte – eine sechsköpfige Familie hatte sich in drei der fünf verfügbaren Kabinen für den Sommer eingemietet – probierte ich die Shorts an. Dies mit dem üblichen mulmigen Gefühl, das mich immer beschleicht, wenn ich Kleidung ohne Gummibänder anziehe. Wir kamen an die erste Schikane: passen sie über die breiteste Stelle meiner Hüften? Oh ja, easy. Nett. Und jetzt, die ultimative Prüfung: krieg ich sie hoch und dann auch noch zu? Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass ich Hosen bis zum Bauchnabel hochziehe. Ja, ich weiss, die 80er Jahre sind vorbei. Aber nicht nur erinnert der Gegenstand dieser Erzählung an die guten alten Zeiten, ich bin auch nie davon abgekommen, Hosen und Jupes hochzuziehen. Wenn ich dies nämlich nicht tue, dann hängt die Fettschürze meines Bauchs über den Rand des Kleidungsstückes. Während man, gerade im Rahmen der Köperakzeptanz, über die ästhetischen Aspekte diskutieren könnte, ist das einfach verdammt unbequem. Daher kommt die Hose hoch und der untere Teil des Bauchs rein. Punkt.

#Vorbilder

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Die Shorts ging hoch. Sie ging zu. Und sie war zu weit. Like, wtf. Zu weit? Wie jetzt? Aber Tatsache. Ich hatte locker Platz für noch mal ca. 10 bis 15cm Taillenumfang. Das war unerwartet. Ich war verunsichert. Auf sowas ist doch niemand vorbereitet, vor allem nicht diese fette Frau. Zu just diesem Zeitpunkt kam allerdings B. von ihrer Erkundungstour zurück um nach mir zu sehen. Ich zeigte ihr das Resultat und bat sie, von gleichen Modell noch die Grössen 48 (kann passieren) und 46 (utopisch) mitzubringen.

Die 46 passte. Schlagartig war mir klar: hier gab es einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, und ich stand mittendrin.

Also gut, es gab keine Anomalie, ausser eben dieser Hose. Aber das wollte ja erst mal verdaut werden. Meine Grösse ist die 50, und ich hatte ganz sicher nicht abgenommen, seit ich den Laden betreten hatte. Ich meine, ich musste ja nur eine Treppe hoch. Eine Rolltreppe. Und nun passte mein Arsch in eine 46? Na, bravo! Und damit nicht genug. Wisst ihr, was das bedeutet, Kinders? Genau: mir eröffnete sich eine vollkommen neue Welt. Denn wer in eine 46 passt, der kann aus der Abteilung für Fette ausbrechen und sich in den unendlichen Weiten des restlichen Ladens umsehen.

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Ich, wie ich aus der Sektion für grosse Grössen ausbreche.

Ist das nicht schlicht und ergreifend zum Davonlaufen?

Ich will ehrlich sein: Natürlich habe ich dem geschenkten Gaul hier nicht ins Maul geschaut. Ich habe mir drei Paar neue Hosen gekauft: einmal kurze Shorts, ein Paar, das knapp bis zu den Knien geht (mit Streifen!) und ein Paar Capris, was die Länge ist, die ich normalerweise trage. Alles in 46, aus der Denim-Abteilung für Normalgewichtige. Ja, ich bin sehr glücklich über diese Funde. Andererseits macht es mich einfach so richtig sauer.

Grössen sind willkürlich

Ich sage es noch einmal: ich trage Grösse 50. Wirklich. Mein Gewicht fluktuiert, wenn ich normal vor mich hin lebe, nicht. Es ist nicht plausibel, dass ich plötzlich in eine herkömmliche 46 reinpasse. Tue ich auch nicht. Ich passe aber in die 46 von C&A, einer Marke, die für etwas grosszügigere Schnitte bekannt ist. Und während ich dies zu schätzen weiss, komme ich nicht umhin, die vollkommene Willkür des Grössensystems in Frage zu stellen. Angesichts dessen, dass Grössen der Orientierung dienen sollen, wäre es wünschenswert, eine Art Standardisierung zu betreiben. Jetzt könnte man natürlich glauben, dass diese Variation in den Grössen versehentlich zustande gekommen ist. Weit gefehlt.

waist-sizesWas mir da passiert ist, ist nicht aussergewöhnlich. Man nennt es Vanity Sizing. Die Überlegung ist kapitalistisch-praktisch-gut: wie verkaufe ich in einer Gesellschaft, die insbesondere Frauen in den ständigen Diätwahn drängt, mehr Kleidung? In dem ich eine Grösse 40 als 36 anschreibe und der Frau so das Gefühl gebe, dass sich ihre Selbstgeisselung gelohnt hat. Das ursprüngliche Grössensystem in den USA begann in den 50er Jahren mit der 8, die einen Taillenumfang von 24 Inches (61cm) mit sich brachte. Diese Grösse wurde kurzerhand zu «Size 0» umbenannt, dem 0° Kelvin der Modebranche. Du passt rein? Gratuliere! Du bist die Schlankste im ganzen Land! Inzwischen gibt es sogar noch die «00». Was genau das sein soll, entzieht sich mir, ausser dass es elegant andeutet, wo die letzte Mahlzeit gelandet ist.

Die künstliche Grenze

Also kommt mir C&A mit Vanity Sizing entgegen. Das ist toll, ich fühle mich geschmeichelt. Und es hat funktioniert, schliesslich habe ich fast hundert Euro dort liegen lassen. Natürlich ist der Grund dafür weniger meine Eitelkeit (die effektive Zahl auf dem Etikett ist mir schon seit gut 20 Jahren schnurz), als die Tatsache, dass eben die 46 so ein bisschen als Obergrenze der Kleidergrösse für «Normale» gilt. Es war also eine Frage der Verfügbarkeit. Und dort sollten wir an dieser Stelle einhaken. Wieso, genau, stellen sich die Modelabels gegen die Bevölkerungsentwicklung, wie sie zum Beispiel das Schweizerische Gesundheitsobservatorium konstatiert? Wir werden nämlich immer dicker. Wollen sie an uns kein Geld verdienen? Ist es eine Ressourcen-Knappheit, weil sie für uns so viel mehr Stoff verarbeiten müssten? Oder müssen am Ende fette Leute einfach nach wie vor mit einem Mangel an Auswahl kasteit werden für all die realen und imaginären Donuts, die wir verschlingen?

donuts

Hat hier jemand Donuts gesagt??

 

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