Das fette Leben: Relativität

Neulich hat eine gute Freundin von mir zum heiteren Kleidertausch geladen. Was eine absolut tolle Idee ist: man findet gratis was Neues zum anziehen, und wird mit etwas Glück von dem eigenen Zeug, das man seit grob geschätzt 800 Jahren nicht mehr getragen hat, etwas los. Soweit, so gut. Aber natürlich kann unsereins da nicht einfach so auftauchen, weshalb ich dann im Vorfeld schon gefragt habe, ob sie dann auch andere fette Frauen eingeladen hätte. Sonst sind meine Optionen stark eingeschränkt, da in die Hose, die die entsprechende Freundin trägt, höchstens mein linker Arm reinpasst. Mir wurde zugesichert, dass ausreichend Kleider für mich vorhanden sein würden.

Und das waren sie! Ich habe, zu meiner grossen Freude, vier neue Oberteile und ein Paar Hosen. Sogar von meinen Kleidern ist was weggegangen, natürlich hauptsächlich Zeugs, das mir sowieso hoffnungslos zu klein war. Ihr kennt diese Sorte Kleider: die „eines Tages“ Kleider. Solche habe ich eigentlich schon lange keine mehr, diese hier waren die letzten Überlebenden. Nachtrauern tue ich nur den schwarzen Leggings mit dem goldfarbenen Barock-Druck drauf, aber diese sind zum Glück nun in guten Händen.

Als wir da so zusammensassen, inmitten von Haufen von Textilien und grosszügig mit Tee und Guetsli versorgt, kamen wir auf die Sache mit den Kleidergrössen zu sprechen. Und da fiel mir diese Geschichte ein, die ich zwar geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe. Nun denn, wertes Publikum: Es war einmal in München.

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Ich bin fett.

Guten Tag. Mein Name ist Nahret und ich bin fett. Ich weiss, was Coming Outs betrifft, ist das eher auf der bescheidenen Seite, denn ich erzähle euch ja nichts Neues. Zumindest nicht denen, die mich schon mal live gesehen haben. Jedoch handelt es sich hier tatsächlich um eine Art Durchbruch, dieses Statement. Zum ersten Mal gehört habe ich es letztes Jahr, von der grandiosen Lindy West, die ihr Coming Out in ihr Buch packte, so wichtig war es. Worum es geht, ist ein Statement, dass in seiner Tragweite von schlanken Menschen nicht verstanden werden kann:

Ich bin fett, und das ändert sich nicht.

Fette Menschen sind dazu angehalten, sich angemessen für ihren Körper zu schämen. Ein/e gute/r „Fattie“ isst in der Öffentlichkeit nicht, oder höchstens Gemüse, um anzuzeigen, dass er/sie sich bewusst ist, dass alles, was gut schmeckt, auf dem Altar der Selbstkasteiung geopfert werden muss. Im Sommer ein Glacé, wie alle anderen, hier, mitten auf der Strasse? Nur, wenn man bereit ist, sich den strafenden Blicken der optisch Fitteren auszusetzen.

Insbesondere als fette Frau hat man in seiner Daseinsberechtigung versagt. Frauen sind primär dazu gedacht, attraktiv zu sein, um am Arm eines Mannes dessen Status zu steigern. In diesem Zusammenhang sind wir nichts weniger als eine Blamage für jeden Mann, der sich mit uns auf die Strasse traut. Schliesslich muss sich dann jeder andere Mann fragen, warum der hier nichts Besseres abgekriegt hat. Nevermind Persönlichkeit und so’n Scheiss: Frauen werden gesehen, nicht gehört. Und fette Frauen will man nicht sehen. Schon gar nicht im Bikini.

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