Das Problem mit der Sexarbeit

Das Problem ist nicht die Sexarbeit, das Problem bist du. Und zwar völlig unabhängig von deiner politischen Ausrichtung. Rechts aussen wird Sexarbeit als eine Frage des moralischen Zerfalls unserer Gesellschaft dargestellt, links aussen wird sie als die ultimative Ausbeutung des weiblichen Körpers durch den Kapitalismus thematisiert. Sexarbeiter/innen sind Huren, unanständige Frauen, leichte Mädchen, Opfer. (In diesen Diskussionen wird übrigens die Existenz von männlichen Sexarbeitern fast vollständig ignoriert.) Sexarbeit hat einen besonderen Stellenwert in jeder Diskussion über Arbeit. Jedoch kann keiner der Diskussionspunkte, die die Sexarbeit hervorheben, objektiv als Fakt eingestuft werden, da jeder einzelne davon moralisch gefärbt ist.

Die Sache mit der Moralität

Darüber will ich nicht viele Worte verlieren. Wir leben in einer sekularen Gesellschaft, in der das sittliche Empfinden der/des Einzelnen auch nur für diese eine Person relevant ist. Es geht nicht an, seine eigene – möglicherweise religiös gefärbte – Weltanschauung auf andere zu projizieren. Natürlich kann man von der Schweizer Gesetzeslage noch nicht behaupten, dass sie völlig vom Christentum entkoppelt ist, aber wir sind immerhin auf dem richtigen Weg, und jeder Schritt zurück führt tatsächlich einfach wieder ins Mittelalter. Habt ihr die hygienischen Zustände dort gesehen? Das will niemand. Falls also deine Haltung gegenüber der Sexarbeit irgendwas mit Religion oder Sittlichkeit oder anderer patriarchaler, Misogynie-verseuchter Philosophie zu tun hat, lass stecken. Das geht uns am Arsch vorbei.

Es gibt aber noch eine zweite, etwas tückischere moralische Argumentation gegen die Sexarbeit, und zwar die romantische Verblendung, das Beischlaf etwas geradezu Heiliges ist, das man nur mit dem einen Menschen, den man – möglichst bis ans Ende aller Zeit – liebt, vollzieht. Etwas, das so besonders ist, dass speziell Frau es nur mit ganz wenigen (sprich: 1) teilt. Der Kult um unser Jungfernhäutchen kommt einem da in den Sinn. Der gelinkte Artikel erklärt einmal mehr, dass „Jungfräulichkeit“ kein medizinischer Term ist, sondern ein sozial-religiöses Konstrukt. Darüber hinaus ist es mehr als naiv zu glauben, das Empfinden um die eigene Sexualität lasse sich auf andere Menschen übertragen. Ich kenne Leute, für die heteronormative, Penis-in-Vagina-Penetration etwas ist, dass sie tatsächlich nur aus Liebe und mit entsprechend wenigen Partner/innen getan haben. Ich kenne aber auch die, für die Sex Sport ist. Oder Appetit. Auf jeden Fall aber mehr Freizeitgestaltung als heiliges Sakrament. Und bei der Freizeitgestaltung sind wir ja tolerant. Fitness-Begeisterte machen mitunter einen Beruf daraus und werden professionelle Coaches. Für Andere wird Sex zum Beruf. Wo ist da der Unterschied?

Sexarbeiterinnen bei einem Protestmarsch

Demo für die Rechte der Sexarbeiter/innen in Kanada.

Die Sache mit dem Menschenhandel

Es scheint unmöglich, auf der linken und/oder feministischen Seite des Spektrums eine Diskussion über Prostitution zu führen, ohne direkt beim Menschenhandel zu landen. Deshalb hier in aller Deutlichkeit:

Nicht alle Sex Worker sind Opfer von Menschenhandel.

Nicht alle Opfer von Menschenhandel arbeiten als Sex Worker.

Gemäss des letzten Berichts der International Labour Organisation mit Sitz in Genève, erschienen 2017, gibt es zur Zeit etwa 40 Millionen Sklaven und Sklavinnen auf der Welt. Diese Zahl im Detail:

  • 25 Millionen sind Zwangsarbeiter/innen, 15 Millionen wurden zwangsverheiratet
  • 25% der Sklav/innen sind Kinder, 71% (von Erwachsenen und Kindern) sind weiblich
  • Frauen und Mädchen machen 99% der Zwangsarbeit in der Prostitution aus, und 84% der Zwangsverheirateten
  • 16 Millionen oder 40% der Betroffenen werden zur Arbeit im privaten Sektor gezwungen, beispielsweise in der Hotellerie, der Landwirtschaft, oder als Haushaltshilfen in Privathaushalten
  • 3,8 Millionen Erwachsene und 1 Million Kinder werden zur Prostitution gezwungen
  • 4,1 Millionen sind Zwangsarbeiter/innen in Regierungsinstitutionen

Auf der Seite der NGO „Made in a Free World“ kannst du berechnen lassen, wie viele Sklaven und Sklavinnen jetzt gerade für dich arbeiten, ohne dass Sex Arbeit überhaupt gerechnet wird. Mit meinem Lebensstil sind es zurzeit 47, ich gehe mal davon aus, hauptsächlich für die Beschaffung der Materialien, die in meiner Elektronik verbaut sind. Falls du jemals Gemüse aus dem Ausland gekauft hast, hast du den Sklavenhandel unterstützt. Mal billige Kleider gekauft? Dann habe ich schlechte Neuigkeiten. Besitzt du ein Smartphone? Siehst du, auch ohne Zwangsprostitution arbeiten Kinder indirekt als deine Leibeigenen.

Auf der anderen Seite haben wir eine Vielzahl von Personen, die freiwillig als Sex Worker arbeiten. Auf der Website von PROKORE wird die Situation folgendermassen beschrieben:

„Die SexarbeiterInnen haben verschiedene Realitäten. Ein Teil der SexarbeiterInnen hat ihre Arbeit frei gewählt und hat eine Berufsidentität. Andere arbeiten wegen prekären ökonomischen Bedingungen im Sexgewerbe. Andere wiederum arbeiten unter Zwangsausübung von Dritten im Sexgewerbe (individueller Zwang oder Zwang von organisierten Netzen).“

Menschenhandel und Sex Work überlappen, sind jedoch nicht deckungsgleich.

Foto einer Geisha mit Kunden

Eine Geisha mit einigen ihrer Kunden.

Die Sache mit der Würde

Fast schon mein Lieblingsargument, das mit der Würde. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass du jeden Morgen voll empowered an deinen Arbeitsplatz fährst, der dich als Mensch und Individuum vollumfänglich wahrnimmt, fördert, feiert. Das war jetzt sarkastisch. Ich lass mich mal auf dieses dünne Eis raus und behaupte, dass die allerwenigsten Menschen ein wohliges Glücksgefühl beschleicht, wenn sie zur Arbeit fahren. Und selbst die von uns, die ihren Job gerne ausüben, sind doch jeden Tag den Mühlen des Kapitalismus unterworfen. Wir sind keine Menschen, wir sind Arbeitskräfte: generisch, unpersönlich, austauschbar.

Gerne erwähne ich an dieser Stelle die mit Abstand würdeloseste Tätigkeit, die ich jemals für Geld ausgeübt habe: Agent in einem Outbound Call Center. Man belästigt Leute, um ihnen Dinge zu verkaufen, die sie weder wollen noch brauchen. Am Ende des Tages fühlt man sich umso schmutziger, je erfolgreicher man war. Es ist die Sorte Existenz, die nur unter Einnahme einer Vielzahl von Drogen erträglich ist. Ich wünsche es niemandem. Seine Seele zu verkaufen ist um etliches tragischer, als den eigenen Körper zur Verfügung zu stellen. Meine Seele wohnt übrigens nicht in meiner Vagina.

Die Sache mit dem Verkauf des Körpers

Der Verkauf des eigenen Körpers ist ein bekannter Nebeneffekt des Kapitalismus. Wer hier das Gefühl hat, eine Sexarbeiterin verkaufe ihren Körper, aber ein Bauarbeiter nicht, der hat vermutlich noch nie auf dem Bau gearbeitet. Statistisch gesehen haben Gerüstbauer, Dachdecker und Bauarbeiter die niedrigste Lebenserwartung aller Berufsgattungen, was natürlich auch daran liegt, dass diese Berufe sehr schlecht bezahlt sind. Was aber auch eine wesentliche Rolle spielt, ist der Umstand, dass es sich hier um Tätigkeiten handelt, die den menschlichen Körper über die Massen beanspruchen und verschleissen. Wie steht es um Putzpersonal, Maler/innen und Coiffeure/Coiffeusen, die täglich ätzende Dämpfe einatmen? Verkaufen nicht auch sie ihren Körper? Warum geniesst in dieser Rechnung die Vagina einen höheren Stellenwert als die Lungen? Brauchst du keine Lungen?

Bild eines Tweets, auf dem steht: If you think that sex workers

Und dann wäre da ja noch der ganze Sektor der Pflege. Nicht nur machen diese Menschen einen Knochenjob, sie sind auch ein Stück weit emotional ihrer Kundschaft ausgeliefert. Sie kommen mit Körperflüssigkeiten in Kontakt, und Hautoberfläche. Manchmal sind sie die einzigen Personen, die ein/e Patient/in an diesem Tag sieht. Man kann kaum täglich mit menschlicher Schwäche und Einsamkeit umgehen, ohne dass einen das berührt. Verkaufen nicht auch sie ihren Körper? Und was noch? Ihr Herz? Wo liegt hier der Unterschied zur Prostitution?

Die Sache mit der Zweiten Welle des Feminismus

Ich habe mein Emma-Abo gekündigt als die grossangelegte Anti-Prostitutionskampagne losgetreten wurde. Soll das eigentlich ein Witz sein? Sich hier über Jahrzehnte für die Selbstbestimmung der Frauen einzusetzen, und dann einem Segment derselben direkt die Mündigkeit abzusprechen? Was soll das heissen? „Du kannst mit deinem Körper machen was du willst – solange es in mein Konzept passt!“, oder was? Ich meine, mir war bewusst, dass die Zweite Welle ganz erhebliche Probleme mit weiblicher Sexualität hat, unter anderem, weil sie in Frage stellt, ob Frauen überhaupt jemals gerne und freiwillig Sex mit Männern haben (in kurz: ja). Die Sex-Negativity dieser Bewegung ist legendär. Und so findet sie natürlich vor diesem Hintergrund statt, diese Behauptung, dass Sexarbeiterinnen immer Opfer sind, egal, ob sie das selbst so sehen, weil sie ja selbst gar nicht erkennen können, dass dem so ist! Bisschen herablassend, oder? Newsflash, liebe Mitstreiterinnen: wenn Frauen die Wahl haben, so haben sie diese absolut zu haben. Es gibt immer wieder Frauen, die für mich völlig unverständliche Wege einschlagen. Einige haben zum Beispiel freiwillig Kinder. ABER DAS IST JEDER SELBST ÜBERLASSEN UND GEHT MICH EINEN DRECK AN. SAVVY?

Herr El Arbi, mit dem ich mal mehr und mal weniger überein gehe, hat dazu auch schon etwas geschrieben.

Fazit

Sexarbeit ist ein Beruf. Genauso wie Landschaftsgärtner, Schriftstellerin, Florist oder Neurochirurgin. Warum ein Individuum diesen Beruf ausübt ist eine individuelle Frage. Wir als Gesellschaft haben dafür zu sorgen, dass Berufstätige in diesem Metier Zugang zu den Dienstleistungen haben, die allen anderen zur Verfügung stehen. Genau wie beim Maurer kann es vorkommen, dass die Sexarbeiterin spezifische medizinische Versorgung braucht; es ist an uns, dass sie diese bekommt, genau wie der Maurer, dessen Lebenswandel oder moralische Integrität wir auch nicht anhand seines Berufs evaluieren. Es reicht. Was wir brauchen sind rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit und Sicherheit für die Berufstätigen. Wie in jeder anderen Branche auch.

Foto des Hotel Rothaus an der Langstrasse

7 Gedanken zu “Das Problem mit der Sexarbeit

  1. Richtig gut. Dankeschön.
    Ich interessiere mich noch nicht sehr lange für das Thema, aber es ist verdammt nochmal wichtig. Der Beruf und Sexworker* selbst müssen (auch rechtlich) geschützt werden, aber die Ausbeutung von gezwungenen gestoppt. Also wie machen wir das? Was ich am schwierigsten finde, an dieser Diskussion, abgesehen von Leuten, die nur in ihren Bahnen Denken können, ist das zu unterscheiden..

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