Das Problem mit der Sexarbeit

Das Problem ist nicht die Sexarbeit, das Problem bist du. Und zwar völlig unabhängig von deiner politischen Ausrichtung. Rechts aussen wird Sexarbeit als eine Frage des moralischen Zerfalls unserer Gesellschaft dargestellt, links aussen wird sie als die ultimative Ausbeutung des weiblichen Körpers durch den Kapitalismus thematisiert. Sexarbeiter/innen sind Huren, unanständige Frauen, leichte Mädchen, Opfer. (In diesen Diskussionen wird übrigens die Existenz von männlichen Sexarbeitern fast vollständig ignoriert.) Sexarbeit hat einen besonderen Stellenwert in jeder Diskussion über Arbeit. Jedoch kann keiner der Diskussionspunkte, die die Sexarbeit hervorheben, objektiv als Fakt eingestuft werden, da jeder einzelne davon moralisch gefärbt ist.

Die Sache mit der Moralität

Darüber will ich nicht viele Worte verlieren. Wir leben in einer sekularen Gesellschaft, in der das sittliche Empfinden der/des Einzelnen auch nur für diese eine Person relevant ist. Es geht nicht an, seine eigene – möglicherweise religiös gefärbte – Weltanschauung auf andere zu projizieren. Natürlich kann man von der Schweizer Gesetzeslage noch nicht behaupten, dass sie völlig vom Christentum entkoppelt ist, aber wir sind immerhin auf dem richtigen Weg, und jeder Schritt zurück führt tatsächlich einfach wieder ins Mittelalter. Habt ihr die hygienischen Zustände dort gesehen? Das will niemand. Falls also deine Haltung gegenüber der Sexarbeit irgendwas mit Religion oder Sittlichkeit oder anderer patriarchaler, Misogynie-verseuchter Philosophie zu tun hat, lass stecken. Das geht uns am Arsch vorbei.

Weiterlesen

Das S-Wort

Letzte Woche hat sich die Premier-Ministerin Grossbritanniens heftig verkalkuliert und bei den von ihr vorgezogenen Wahlen massiv Sitze eingebüsst. So viele, dass sie jetzt keine absolute Mehrheit mehr hat, und sich mit einer superkonservativen, ultrarechten Mini-Partei aus Nordirland zusammentun muss, um weiter regieren zu können. Und weil sie sich gerade an den politisch Meistbietenden verkauft hat, gibt es jetzt Menschen, die sie als Schlampe oder auch als Hure bezeichnen. Dies ist scheinbar in Grossbritannien passiert und hat einen meiner Lieblingsmenschen, J.K. Rowling, zu einem veritablen Tweetsturm veranlasst.

Was besonders schwer wiegt ist die Tatsache, dass J.K. diesen Mann ursprünglich gut fand. Er sei witzig und klug, und ich darf annehmen, ansonsten auch eloquent. Und ich verstehe den Schmerz nur allzu gut: Wenn nicht mal die guten Männer begreifen, warum man eine Frau, die einem nicht passt, nicht einfach als Hure/Schlampe/Flittchen etc. betiteln kann, welche Hoffnung gibt es denn bei den Männern, die uns sowieso nicht als Menschen sehen? Wenn schon die Männer, die sich – guten Gewissens! – als Feministen bezeichnen, ihre eigene Misogynie nicht erkennen, welche Chance haben wir dann auf lange Sicht gegen die alles durchdringende Rape Culture? Ich verstehe ihren Schmerz nur zu gut, denn am Samstag ist mir dasselbe passiert.

Weiterlesen