Verrat aus den eigenen Reihen

Am Freitag vor einer Woche ist es mir passiert. Nicht zum ersten Mal, sicher nicht zum letzten Mal, aber halt mal wieder, einfach, um mich daran zu erinnern, dass wir noch einen langen, langen Weg zu gehen haben.

Ich habe ihnen Auge in Auge gegenübergestanden, den Frauen, die den Feminismus nicht brauchen™.

Ihr kennt sie. Es sind die, die keine Sonderbehandlung wollen. Die, die Männer ganz toll finden. Die, die ihrem Mann gerne das Essen kochen und die Wohnung putzen. Die, die noch nie in ihrem Leben benachteiligt worden sind, weil sie Frauen sind, nein, eigentlich hatten sie dadurch immer nur Vorteile! Kurzum, es sind die Frauen, die nicht verstehen, was Feminismus ist. Daher vielleicht, um künftige Missverständnisse zu vermeiden, ein Auszug aus dem zugehörigen Wikipedia-Artikel:


Feminismus (abgeleitet von lateinisch femina Frau und -ismus über französisch féminisme) bezeichnet sowohl eine akademische als auch eine soziale Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt. Daneben verweist Feminismus auf politische Theorien, die – über einzelne Anliegen hinaus – die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse, einen grundlegenden Wandel der sozialen und symbolischen Ordnung und der Geschlechterverhältnisse im Blick haben. Gleichzeitig erlauben sie Deutungen und Argumente zur Gesellschaftskritik.

[…] Auf dieser Basis beinhaltet Feminismus auch die Forderung, nicht nur Gleichberechtigung von Frauen und Männern formal (gesetzlich) zu postulieren, sondern auch jene konkreten Zustände anzufechten, in welchen dieses Versprechen real noch immer nicht eingelöst worden ist (vgl. Gleichstellung). Zu diesem Zweck setzten sich Feministinnen und Feministen mit den philosophischen Begründungen für bzw. gegen die Ungleichbehandlung auseinander und entwickelten verschiedene feministische Theorien und Denkansätze als kritische Kultur- und Gesellschaftsanalysen. Jedoch gilt ein einheitlicher Feminismus, dessen Definition weltweite Gültigkeit besäße, heutzutage nicht zwingend als erstrebenswertes Ziel, da Frauen aus unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Verhältnissen stammen, die sie stärker prägen können als das Geschlecht.


Soweit, so klar. Nun zum Geschichtli.

Am 16. und 17. Juni fanden die Informatiktage in Zürich statt, an denen verschiedene Firmen ihre Angebote zeigten. Meist ging es mit einem Tag der offenen Tür einher, und es gab viele Veranstaltungen, an denen man teilnehmen oder zuhören konnte. Eine solche bot Digicomp an, eine Diskussion zum Thema „Women in IT“. Da ich selbst eine Woman in IT bin dachte ich mir, da gehste hin, kannste vielleicht was lernen.

Falsch gedacht.

Die Anfangszwanzigerin, die die Einführung machen sollte, verstand nämlich eigentlich gar nicht, warum wir darüber überhaupt reden müssen. Klar, sei sie die einzige Frau in der Firma, in der sie arbeite, aber das sei ja ein Vorteil, weil sie sich schliesslich bei den Firmenausflügen das Zimmer mit niemandem teilen müsse. Und gut behandelt werde sie sowieso, fast schon besser, als die Männer. Allgemein glaube sie nicht, dass die Situation so dramatisch sei, dass es Massnahmen brauche.

Jesus vergibt dir auch deine Dummheit. Aber trotzdem.

Glücklicherweise handelt es sich bei Zahlen und Fakten nicht um Glaubensfragen. Wie zum Beispiel die handliche Graphik im allgemein sehr informativen Artikel der Huffington Post zeigt, ist die weibliche Partizipation im Bereich IT in den USA in den letzten 25 Jahren schlechter geworden anstatt besser. Wo 1990 noch 35% der Stellen in Computing und Mathematik von Frauen belegt waren (und lasst uns für den Moment so tun, als wären 35% schon uhuere viel), sind es 2013 noch 26%. Das heisst, in einem Zeitraum, in dem die Informatik zumindest die westliche Welt erobert hat, in dem die Nachfrage nach Fachkräften in dieser Branche sich explosionsartig vervielfacht hat, hat sich der Prozentsatz an Frauen, die in diesen Berufen arbeiten, zurückentwickelt. Der Abschlussbericht des IWSB (Institut für Wirtschaftsstudien Basel) im Fachbereich ICT zeigt, dass, wo 1991 noch 88’000 Menschen in der Schweiz in der IT gearbeitet haben, es 2015 knapp 211’00 waren. Wir dürfen annehmen, dass der Trend in den USA ähnlich verläuft, wenn auch – wie üblich – mit grösseren Zahlen.

Eine Statistik über den Prozentsatz der Frauen in verschiedenen technischen Berufen.

Was in dieser Graphik insbesondere auffällt, ist dass sich der Anteil in allen anderen Tech Berufen ausser Computing und Mathematik marginal vergrössert hat. Das, hat sich herausgestellt, liegt an einem sich hartnäckig haltenden Vorurteil.

„Frauen sind halt allgemein nicht so mathematisch veranlagt“, warf eine der Teilnehmerinnen ein. Selbst eine Frau ca. Anfang 60, die schon ihr ganzes Leben in der IT gearbeitet hat. Auch sie gab sich in wenigen Sätzen als weiterer Stereotyp preis: sie ist eine Frau, die nicht so ist wie alle anderen“™. Auch die kennen wir. Sie bezeichnen sich als unkompliziert, seien schon als Kind eher bubenhaft gewesen, und finden sämtliche von der Gesellschaft als „weiblich“ bezeichneten Eigenschaften und Accoutrements lächerlich und dumm. Sie bezeichnen sich gerne als „gute Kumpel“. Sie sind die Margaret Thatchers unseres persönlichen Lebens.

AlbrightDenn so sieht er aus, der Verrat aus den eigenen Reihen, der, der schwerer wiegt, als alles, was Männer uns antun können: Sie sind die Frauen, die andere Frauen auf der beruflichen Ebene verunglimpfen, in der Hoffnung, ihre eigene Position zu stärken. Sie sind die Polizistinnen, die finden, Frauen seien selbst an ihren Vergewaltigungen schuld. Sie sind die Politikerinnen, die gegen Krippenzulagen, Vaterschaftsurlaub und Abtreibungsrechte stimmen, da sie finanziell in der Lage sind, sich all das zu kaufen. Sie sind die unwissenden Opfer des Patriarchats, die eben dieses verteidigen, weil sie darin eine Position inne haben, die ihnen Privilegien über andere Frauen gibt. Unwissend, weil sie selten sehen, wie prekär ihre Position ist, und wie schnell sie sie verlieren können. Sie verstehen nicht, dass sie lediglich geduldet sind, unter der Bedingung, dass sie sich den Regeln des Patriarchats unterwerfen.

Und bevor jetzt wieder das grosse #notallmen-Geschrei los geht: „das Patriarchat“ ist nicht gleichbedeutend mit „der Mann“, und es schadet insbesondere auch Männern. Das kann man nachlesen. Über die Verstrickung mit dem Kapitalismus will ich an dieser Stelle nicht einmal sprechen.

Eine 2008 geführte Studie auf der Basis von PISA-Resultaten kam indes zum Schluss, dass der Unterschied in der mathematischen Leistung zwischen Mädchen und Jungen nicht auf angeborene Begabung, sondern auf Sozialisierung zurück zu führen ist. Sie zeigt unter anderem auf, dass die Differenz in den unteren Stufen der Primarschule noch vernachlässigbar ist, aber mit zunehmendem Alter der Kinder zunimmt. Sie hat auch herausgefunden, dass die Diskrepanz in Ländern mit besserer Gleichstellung der Geschlechter kleiner ist. Kurz: es ist nicht ein Mangel an Talent oder Interesse, der dazu führt, dass Mädchen weniger häufig mathematische oder technische Berufe wählen, sondern eine Gesellschaft, die uns immer noch vermittelt, dass wir das nicht, bzw. nur in Ausnahmefällen, können. Angesichts des projizierten Fachkräftemangels in diesem Bereich, sollten wir unsere Haltung dahingehend noch einmal überdenken.

Das Wichtigste ist allerdings, dass wir aufhören, einander gegenseitig zu sabotieren. „Teilen und herrschen“ ist ein altes Spiel, und es ist Zeit, dass wir daraus aussteigen.

 

 

2 Gedanken zu “Verrat aus den eigenen Reihen

  1. Vielen lieben Dank für deinen Beitrag. finde deinen Blog sowieso toll 😉
    Ich bin übrigens die eine Frau, die ebenfalls geschockt im Digicomp-Raum sass. Falls du Interesse an Veranstaltungen hast, die sich wirklich mit dem Problem beschäftigen, kann ich dir WE SHAPE TECH (https://weshape.tech/) empfehlen. Es ist eine sehr kapitalistisch geprägte Organisation, die aber gute Sachen macht 🙂

    Gefällt mir

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