Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to Sommer

Wie ich oft an dieser Stelle wiederholt habe, leben in der Stadt viele Menschen auf engem Raum. Da sind also viele bewegliche Teilchen. Wenn diese nun erhitzt werden, dann werden sie unruhiger. Und wenn viele Teilchen unruhig sind, kommt es zu Reibung. Und das, meine Damen und Herren, will bei dieser Hitze wirklich niemand.

Blühende Sträucher im MFO-Park.

Der MFO-Park in Oerlikon blüht.

Es ist kein Geheimnis, dass ich ein Sommerkind bin. Ich blühe auf, wenn die Temperaturen auf über 30°C klettern. Es gibt nichts Schöneres. Natürlich bin ich auch dem Kältetod nahe, wenn das Thermometer unvermittelt auf unter 20°C fällt. Neulich nachts hätte ich den Heimweg um Haaresbreite nicht überlebt. Das ist also mein Wetter. Summertime, and the living is easy. Ich habe Playlists für diese Jahreszeit. Die Stadt ist nie so schön wie im Sommer, wenn die Limmat im Sonnenlicht in allen Nuancen von grün und blau funkelt. Aber auch ich kann nicht von der Hand weisen, dass mit den Temperaturen auch die Anforderungen an unsere Selbstverantwortung als gute Städterinnen und Städter steigen. Im Interesse aller schlage ich deshalb vor, wir bewahren einen kühlen Kopf (haha) und halten uns an folgende kleine Instruktion.

1. Schweiss passiert.

Wir sind alle verschwitzt. Das ist eine normale und wichtige körperliche Funktion, die essentiell dazu gedacht ist, dass wir nicht sterben. Ein Bonus. Leute rundherum schwitzen also nur bedingt in der Absicht, dich anzuekeln. Es würde uns gut zu Gesicht stehen, diese ziemlich geniale Körperfunktion, um die uns sämtliche Feliden und Caniden der Welt beneiden, mit Gleichmut hinzunehmen.

2. Bei allem was heilig ist, benutz ein Deo.

Ich weiss. Es gibt da draussen die Fraktion derer, die künstliche Gerüche ablehnen. Es gibt Leute, die von Parfum und ähnlichem Kopfschmerzen und/oder Übelkeit bekommen. Ihr habt mein Mitgefühl. Wie aber auch bei Glutenintoleranz, ist nur ein verschwindend kleiner Bevölkerungsanteil empfindlich auf diese Chemikalien, während der Rest keinerlei Entschuldigung hat: benutz ein Deo. Immer dran denken, andere Menschen haben auch Nasen. Und nur, weil du dich selbst nicht riechen kannst (ein Mechanismus des Gehirns, um sich vor Sinnüberflutung zu schützen), heisst das nicht, dass andere Menschen dich nicht riechen. Wenn es denn ums Verrecken kein künstlicher Geruch sein darf, können diese Deo-Salzkristalle verwendet werden, die zumindest das Schwitzen in den Achseln unterbinden. Kann man ja dann mit Patchouli kombinieren oder so.

3. Nur weil Sommer ist, sind deine Nachbarn nicht plötzlich taub.

Schau, ich verstehe dich ja. Sommer, Sonne, Lebensfreude! Mediterrane Gefühle! Grill! Bier! Ich freue mich ja auch, dass Sommer ist. Aber ich kann mich leise freuen. Es ist absolut nichts gegen die gelegentliche Grillparty einzuwenden, aber das operative Wort hier ist „gelegentlich“. Nicht täglich. Einige von uns müssen schlafen, da einige von uns arbeiten. So, am Morgen und so. Ich wollte schreiben, dass es nett wäre, wenn dem Rechnung getragen würde, aber seien wir ehrlich, es wäre nur normal. Rücksicht auf Andere ist in der Stadt Standard, und wer das nicht kann, hat noch nicht einmal den Basiseignungstest als Mensch bestanden.

4. Kinder wollen unterhalten sein.

Das gilt natürlich auch für den Rest des Jahres, aber der Sommer bringt ein Phänomen mit sich, das den anderen Jahreszeiten fehlt: Sommerferien. Lange, lange Sommerferien. Im Idealfall ist man jetzt Second@ und kann die lieben Kleinen den Grosseltern mitgeben nach Ourense oder Lecce oder so. Für die, die hier bleiben, bietet der Zürcher Verkehrsverbund zum Beispiel einen Ferienpass an, und auch das Sportamt der Stadt Zürich bietet Aktivitäten in der ersten und in der letzten Sommerferienwoche. Sogar wenn es regnet kann man mit Kindern etwas unternehmen. Hier auf der Website „Mamilade“ hat sich jemand die Mühe gemacht, Vorschläge für Schlechtwettertage zusammen zu tragen. Um all diese Info zu finden habe ich jetzt etwa 10 Minuten gebraucht. Das ist ein Aufwand, den ich meines Erachtens nach den Eltern der hier besprochenen Kinder durchaus zumuten kann. Denn es entzieht sich meines Verständnisses, dass man an einem sonnigen Samstagnachmittag das Glatt-Zentrum als Ausflugsziel auserkürt. Was soll der Scheiss? Ein Einkaufszentrum ist kein Spielplatz, auch wenn dort eine Rutschbahn installiert wurde. Hier kaufen Menschen ein, und nicht wenige müssen im Geschrei eurer Blagen arbeiten. Das verstösst gegen die Menschenrechtskonventionen. Sei kein Arschloch. Geh mit deinen Kindern an kindgerechte Orte. Das wissen nicht nur die Kinderlosen zu schätzen, sondern auch die Kinder.

Das Grossmünster von der Gemüsebrücke aus.

5. Danke, ich habe meine eigene Musik.

Liebe Cabrio-Fahrer und Ghettoblaster-Träger, euer Musikgeschmack lässt oft zu wünschen übrig. Ich würde es deshalb begrüssen, wenn ihr die Lautstärke eurer Maschinen vom Level „Radius drei Stadtkreise“ zurück auf „meine Homies und ich“ stellen würdet. Denn ich kenne „Despacito“ bereits, und habe kein Bedürfnis, Fetzen davon aus einem vorbeifahrenden Auto entgegengeschleudert zu kriegen.

6. Hört auf zu jammern.

Es ist heiss. Das ist den meisten hier bewusst. Frag mal den Zukkihund, der ist ein Höski und findet das Wetter sicher nicht so läss. Wetter ist so ein Ding, das es niemandem recht machen kann. Deshalb bin ich so froh, dass es sich nicht von Menschen kontrollieren lässt. Ich denke mit Schrecken an die Klimaanlage im Büro zurück, deren Thermostat allen MitarbeiterInnen frei zugänglich war, so dass sie von Mr. Freeze bei diesen Temperaturen gerne mal auf 10°C runtergesetzt wurde, damit der Rest von uns lange Hosen und Jacken zur Arbeit mitnehmen musste. Es ist Juli, und im Idealfall ist es dann heiss. Das ist gut für die Landwirtschaft und gut für mich. Bald ist wieder Februar, und ich werde nicht alle paar Stunden auf Facebook posten, dass ich langsam aber sicher erfriere. Ein bisschen Zurückhaltung steht uns allen gut zu Gesicht.

7. Auch fette Menschen gehen schwimmen.

Schrödinger's Fatty: never leaving the couch while taking up all the space at the gym.

Und das kostet meist Überwindung, weil wir genau wissen, wie die Unter- und Normalgewichtigen uns anschauen. Dabei wird uns doch immer vorgeworfen, wir würden keinen Sport treiben! Nur nicht im Bikini, was? Niemand von uns ist übrigens weniger fett, wenn wir mehr Kleider tragen, aber dies nur am Rande. Ein Vorschlag zur Güte: wenn es kein Kompliment ist, behältst du es für dich.

8. Hört allgemein auf mit dem Bodyshaming.

Wir scheinen kollektiv im Sommer mehr in die Bodyshaming-Schiene zu verfallen als zu Jahreszeiten, in denen wir mehr Kleider tragen. Denn jetzt sehen wir Haut, Tattoos, Falten und Dellen, die uns sonst verborgen bleiben. Und wir sehen Füsse. Füsse sind schwierig. Gerade Männerfüsse kommen oft relativ ungepflegt daher. Ich finde es persönlich uhuere gruusig. Aber wisst ihr was? Es geht mich nichts an. JedeR wie sie/er will. Ich muss mich da wirklich selbst an der Nase nehmen. Natürlich finde ich es amüsant, Menschen auf ihre „white people problems“ anzusprechen. Die meisten Weissen beginnen den Sommer ja mit dem Hautton „leuchtet im Dunkeln“, und nehmen erst den Umweg über „Hummer à l’Armoricaine“ bis sie – falls das überhaupt möglich ist – bei einem gesunden Braun ankommen. Da können sie aber nichts dafür, und es geht mich, wie gesagt, nichts an. Nur du lebst in deinem Körper.

9. Geniess den Sommer.

Er ist schnell wieder vorbei. Ich esse jetzt ein Glacé.

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