Die falschen Äquivalente

Wir leben in einer Zeit der falschen Äquivalente. Irgendwie hält sich immer noch dieser Gedanke, dass Gewalt von links „genau so falsch“, wenn nicht sogar schlimmer ist, als Gewalt von rechts. Dass sich die Einen dabei gegen die stellen, die einen Teil der Menschheit wieder mal in Gaskammern schicken oder schlicht im Mittelmeer ertrinken lassen möchten, scheint vielen händeringenden, lauwarmen Leuten irgendwie unter zu gehen. Ich habe solche Menschen in meinem Freundeskreis. Solche, die – und anders kann ich es mir nicht erklären – um jeden Preis den Frieden wahren wollen. Einen Frieden, der es ihnen erlaubt, so zu tun, als wäre die Welt einigermassen in Ordnung. Einen künstlichen Frieden, bei dem die Unterdrückten die Schnauze halten und nicht auffallen. Und deshalb werfen sie den „linken Chaoten“ einmal mehr unangebrachte Gewalt vor: einem Nazi eins aufs Maul zu geben ist für die Lauwarmen gleich schlimm, wie wenn der rechte Mob ein Asylzentrum in Brand steckt. Sie drängen uns dazu, die „andere Seite“ zu sehen, als ob es bei rechtem Gedankengut eine andere Seite gäbe; sie sind es, die Trump „eine Chance geben“ wollten, als er das mächtigste politische Amt der Welt antrat. Sie erinnern mich ein bisschen an die drei Äffchen, die weder Böses sehen, noch hören, noch sagen, und so hoffen, das Böse möge an ihnen vorbei gehen.  Ich nehme an, wenn wir uns alle bei den Händen nehmen, um ein Lagerfeuer singen und an Regenbögen denken, wird sicher alles gut. Wie beim letzten Mal.

Eine Galerie linker Chaoten: Dolores Ibárruri, Sophie Scholl, Nelson Mandela und Malcolm X.

Eine Galerie linker Chaoten: Dolores Ibárruri, Sophie Scholl, Nelson Mandela und Malcolm X.

Können wir uns nicht einfach alle liebhaben?

Vor allem den Menschen, die ich persönlich kenne, möchte ich keine Niedertracht unterstellen. Ich denke, sie haben Angst. Angst davor, sich in vollem Masse bewusst zu machen, wie es um die Welt ausserhalb ihrer – unserer! – privilegierten Blase steht. Denn die Fetischisierung der Gewaltlosigkeit ist ein Ausdruck von Privileg. Ich wiederhole: nur aus der bequemen Position des Nichtbetroffenseins kann man Gewaltlosigkeit als oberstes Gebot zementieren. Und weil es vermutlich notwendig ist, auch noch diese Klarstellung: ich bin kein Fan von Gewalt. Sie ist ein unscharfes, oft ungeeignetes Mittel, um Protest auszudrücken, nur ein letzter Rekurs, wenn alle anderen Wege versagt haben. Was ich aber immer schon als Wahrheit verstanden habe, ist die Stipulation von Malcolm X: wir müssen mit allen notwendigen Mitteln Widerstand leisten. Mit allen notwendigen Mitteln. Dort liegt die grösste Herausforderung im Umgang mit dem Klassenkampf, den wir hier – ob wir ihn anerkennen oder nicht – führen: welche Mittel sind notwendig?

Die weissen Menschen in den USA benutzen schon lange die King Jr./X-Dichotomie gegen ihre farbigen Mitbürger/innen. MLK habe gewaltlos gehandelt, ist die Argumentation, und dann: er würde sich für die BLM-Bewegung schämen, wenn er sehen könnte, wie ungebührlich sich dieses Gesindel heutzutage benimmt. Es ist, wie üblich, der Aufruf der Herrschenden, die Unterdrückten mögen sich doch gesittet verhalten, und höflich, unterwürfig und zurückhaltend um ihre Menschenrechte bitten. Wenn sie nicht so gewalttätig wären, dann könnte man Dialoge führen. Und natürlich wären dann die Herrschenden viel eher gewillt, zuzuhören. Denn wenn man sie so anschreit, dann fühlten sie sich unwohl, und dann könne es ja niemanden überraschen, dass sie nicht zu Verhandlungen bereit seien.

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Doch Martin Luther King Jr. wäre ohne Malcolm X möglicherweise nicht so erfolgreich gewesen – und Malcolm X wusste das.

  • Malcolm X on Dr. King: „I’ll say nothing against him. At one time the whites in the United States called him a racialist, and extremist, and a Communist. Then the Black Muslims came along and the whites thanked the Lord for Martin Luther King.“

  • Dr. King on Malcolm X: „You know, right before he was killed he came down to Selma and said some pretty passionate things against me, and that surprised me because after all it was my territory there. But afterwards he took my wife aside, and said he thought he could help me more by attacking me than praising me. He thought it would make it easier for me in the long run.“

Was Malcolm X erkannt hatte, war dies: erst, wenn die Weissen vor einem gewaltbereiten Schwarzen Angst haben, sind sie bereit, mit dem schwarzen Pazifisten zu verhandeln. Ohne die gewaltbereiten Elemente der Bewegung wäre auch auf die gewaltlose Fraktion derselben nicht eingegangen worden.

Tatsache ist, die Herrschenden reagieren erst, wenn eine Bewegung laut genug, gross genug, gefährlich genug wird, dass sie nicht mehr ignoriert werden kann. Nur, wenn Extremes gefordert wird, kann man auf akzeptable Kompromisse überhaupt hoffen. Weder gelangten die ehemaligen europäischen Kolonien zur Unabhängigkeit, noch die Sklaven zu Freiheit ohne blutige Aufstände. König Ludwig XVI. hätte sich auch mehr Ruhe vom Volk erhofft. Er hätte er ihnen Kuchen geben sollen.

Etwas Ähnliches bekommen übrigens auch Frauen gesagt: wenn wir nicht so schrill wären, könnten Männer uns besser zuhören; wenn wir nur aufhören würden, zu nörgeln, dann müssten Männer ihre Ehefrauen nicht zu Tode prügeln.

Es ist seit jeher die Taktik der Herrschenden, die Stimmen der Unterdrückten zum Schweigen zu bringen.

Des Einen Widerstandskämpfer ist des Anderen Terrorist

Nelson Mandela gilt zweifellos als eine der bedeutendsten Figuren des 20. Jahrhunderts. Als Widerstandskämpfer gegen die Apartheid sass er während 27 Jahren im Gefängnis, wegen „Sabotage und der Planung des bewaffneten Kampfes“. Vor seiner Verurteilung 1964 hielt Mandela eine vierstündige Rede über die Notwendigkeit – in seinen Worten, die Unerlässlichkeit – eben dieses bewaffneten Kampfes, da die weisse Regierung auf gewaltlose Ansätze zur Verhandlung nicht eingegangen war, und statt dessen zu immer drastischeren Repressalien gegenüber der farbigen Bevölkerung gegriffen hatte. Aus dem Transkript seiner Rede:

He said: „This decision was not easily made. The decision was made to embark on violent forms of struggle. I felt morally obliged to do what I did.“

The ANC was committed not to undertake violence, but was prepared to depart from its policy to the extent that it would no longer disapprove of properly controlled sabotage. The choice of sabotage was made because it would not involve loss of life.

Mandela said he had dedicated his life to end white domination – „It is an idea [sic] I hope to live and see realised, but it is an idea [sic] for which I am prepared to die.“

Ich kann Nelson Mandela hier und heute „Widerstandskämpfer“ nennen anstatt „Terrorist“, da das Apartheid-Regime fiel und er als erster schwarzer Präsident der Republik Südafrika in die Geschichte einging, nach den ersten vollständig demokratischen Wahlen in jenem Land. Er ist eine geradezu heldenhafte Gestalt unserer Geschichtsschreibung. Nelson Mandela hat seinen Kampf, für den er bereit war, zu den Waffen zu greifen, für den er bereit war, zu sterben, gewonnen. Und Geschichtsbücher werden von den Gewinnern geschrieben.

Diese scheuen sich jeweils auch nicht davor, die unterlegene Gegenseite auf eine Art und Weise darzustellen, dass sie in die gewünschte Narrative passt. So wurde zum Beispiel erst neulich in einem Geschichtsbuch für Primarschüler in Kanada die Vertreibung der Cherokee durch die Weissen, bei dem über ein Viertel der Vertriebenen starb, als „freiwillige Umsiedelung“ beschrieben, die die Indianer beschlossen hatten, um den Weissen „mehr Platz zu geben“.

Es ist seit jeher die Taktik der Herrschenden, uns ihre Wahrnehmung als objektive Wahrheit zu verkaufen.

Die politische Rechte ist eine Bedrohung

Ich sage ja nicht, man müsse einem Nazi in die Fresse schlagen. Aber ich verstehe es. Und nein, es ist nicht „das Gleiche“ wie Gewalt von rechts. Die Leute, die sich rechts auf dem politischen Spektrum befinden, wollen möglicherweise unseren Tod nicht aktiv, nehmen ihn aber billigend in kauf. Das gilt für die ganze politische Rechte, vom neo-liberalen FDPler bis hin zum waschechten Nazi.

Der FDPler will uns nicht so direkt ans Leben. Aber es ist ihm herzlich egal. Von rechts werden Sozialleistungen gestrichen, man spricht von „Eigenverantwortung“ (ich habe Sie nicht vergessen, Herr Couchepin) bei Menschen, die tatsächlich keine solche tragen können. Die Frau, die ich kannte, die mit der Glasknochenkrankheit, die kann nicht arbeiten, um sich was dazu zu verdienen, nur, weil auch sie einmal ins Café gehen möchte. Die FDP senkt die Steuern für die Reichen und streicht dafür das Taxigeld von chronisch kranken Menschen. Die sollen selber schauen. Ist ja in der Natur auch so. Alte und kranke Tiere sterben. Circle of life und so.

Der Nazi geht einen Schritt weiter, und will, im Namen der Reinheit der Rasse, sämtliche minderen Rassen (alle, die nicht rein weiss sind) und alle anderen niedrigeren Kreaturen (Sozialhilfebezüger/innen, Behinderte, Suchtkranke, Homosexuelle, etc.) aus unserem Genpool entfernen. Im Dritten Reich wurde dies anschaulich durch die verschiedenen Massengräber in den Konzentrationslagern dargestellt. Die toten Juden und Jüdinnen wurden beispielsweise getrennt von den Zigeuner/innen, den Schwulen oder den deutschen Dissident/innen verscharrt.

Ach, ich übertreibe? So schlimm wird es nicht noch einmal werden? Ein kurzer Blick nach Polen sollte uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Polen ist kein Einzelfall; im letzten Jahr sind zahlreiche Regierungen nach rechts gerutscht, inklusive unsere eigene. Die Zeit, dieser Tendenz Einhalt zu gebieten, ist jetzt.

Das Toleranz-Paradoxon

Der Philosoph Karl Popper schrieb – unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – über das Paradoxon der Toleranz. Darin beschreibt er, dass es notwendig ist, dass sich eine tolerante Gesellschaft gegen Intoleranz zur Wehr setzt, diese also nicht einfach toleriert – denn dies führt bekanntlich zum Untergang der Toleranz. Widerstand gegen ultra-rechtes Gedankengut ist somit nicht nur nicht „das Gleiche“ wie der eigentliche Auslöser unseres Widerstands, es ist unsere Pflicht. Wir, die wir im Geschichtsunterricht erfahren haben, wozu das führt, wenn man es laufen lässt, haben nicht das Recht, zu schweigen und Däumchen zu drehen. Wir, insbesondere die politische Linke, hat gerade nicht die Zeit, sich mit internen Debatten aufzuhalten. Wir können jetzt nicht zu Tode diskutieren, ob Widerstand uns „genau so schlimm“ macht wie die Gegenseite. „Eine andere Meinung“ ist die Frage, ob man lieber Kaffee oder Tee trinkt, nicht ob Juden auch Menschen sind, oder ob es okay ist, dass Obdachlose erfrieren.

Allied soldiers in World War II, considering whether fighting the Nazis with violence is as bad as being a Nazi.

Die Zeit, Widerstand zu leisten, ist jetzt. Wie die universelle Wahrheit, die Edmund Burke attribuiert wurde, lautet, „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“ Wer jetzt schweigt, macht sich mitschuldig. Nein, man muss Nazis nicht persönlich und physisch aufs Maul geben. Aber zumindest verbal und metaphorisch. Das ist das Mindeste, was ich von anständigen Menschen erwarte.

 

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