Aspiring Polyglot: Fucking Kanji

Ich habe mich also darauf eingelassen, Japanisch zu lernen. Japanisch hat ein paar Hürden, die andere Sprachen nicht mit sich bringen. Die Grösste davon heisst zwingend „Kanji“. Kanji ist eine der drei Schriften, die in der japanischen Sprache benutzt werden. Ich lerne Sprachen über die Schrift, nicht über das Gehör, wie so viele dieser Menschen, die sich damit brüsten, einfach mal drei Monate in ein Land zu gehen, und dort dann locker-flockig die Sprache zu lernen. Und locker-flockig ist korrekt: wer so an die Sache herangeht, der lernt für Parties, nicht für Shakespeare. Ich lerne für Shakespeare. Was soll ich mit einer Sprache, in der ich ein Bier bestellen, aber nicht die grossen Klassiker lesen kann? Wertlos.

Also lerne ich über geschriebene Medien. Ich muss zuallererst die Struktur der Sprache verstehen, wie Worte aufgebaut sind, wie sie zusammenhängen, wie man daraus Sätze baut. Das Grundgerüst muss mir klar sein. Und so ist Japanisch das schwierigste Unterfangen, dass ich je in Angriff genommen habe – wegen der Kanji.

Ein kurzer geschichtlicher Abriss

Kanji sind chinesische Schriftzeichen, die mit chinesischen Gelehrten und Abgesandten des Kaiserreiches ab dem ca. 5. Jahrhundert nach Japan kamen. Davor gab es dort keine Schriftsprache, deshalb wurden die Zeichen übernommen. Einerseits konnten die Zeichen aber nicht alle notwendigen japanischen Worte abdecken, andererseits reflektierten sie nicht die japanische Grammatik. Dies hat zu verschiedenen… Herausforderungen geführt.

IMG_4255Ein Kanji kann mehrere Aussprachen haben. Zuerst wurden die Zeichen chinesisch gelesen, mit japanischer Anpassung: aus „yú“ für Fisch wurde „gyo“. Danach wurden aber zunehmends japanische Worte an die passenden Kanji angebunden; das obengenannte „gyo“ wird im alltäglichen Gebrauch „sakana“ genannt.

Da insbesondere grammatikalische Marker nicht mit Kanji dargestellt werden konnten, wurden einige Kanji nur noch für ihren Lautwert, nicht aber ihre Bedeutung verwendet. Aus diesen wurden schlussentlich die vereinfachten Hiragana entwickelt. Hiragana stellen ausschliesslich Silben dar, und werden zwischen den Kanji für alle notwendigen grammatikalischen Bedürfnisse verwendet: als Kasus-Suffix zum Beispiel, oder als Verb-Endung, Partikeln, etc.

Parallel zu den Hiragana, die aus der für Frauen des Hofes entwickelten „Grasschrift“ entstanden ist (weshalb sie als „Frauenschrift“ gilt), gibt es dann auch noch die Katakana, die genau die gleichen Silben darstellt, jedoch in „Männerschrift“ (ich nehme an, weil sie aussieht, als könnte man sie mit einem Schwert schreiben). Katakana wird zur Darstellung von Lehnwörtern und onomatopoetischen Worten verwendet. Soll heissen, so, wie wir 寿司 zu „Sushi“ umschreiben müssen, brauchen JapanerInnen ein Wort für Glacé, nämlich アイスクリーム, also „aisukuriimu“.

aisukuriimu

Baskin Robbins, in Japan bekannt als „saatiwan aisukuriimu“, 31 Eiscrème. Merci für’s Foto, Alain!

Und jetzt?

Ja, da hilft alles nichts. Es geht schlicht ans Auswendiglernen. Das ist in allen anderen Sprachen nicht zwingend anders, nur das hier ein guter Teil der Worte Bildchen sind, die Sinn ergeben können, aber nicht müssen. Und das selbe Bildchen hat verschiedene Bedeutungen und/oder Aussprachen. Manchmal hat es sogar für Konzepte, die zusammen gehören, verschiedene Aussprachen. Aber was soll’s; wir nutzen nur gerade 10% unserer Speicherkapazität im Gehirn, sagt man. Mit Kanji sind es dann etwa 12%.

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Manchmal ist es auch super logisch. Zumindest optisch. Akustisch sind das „ki“, „hayashi“ und „mori“.

Seit 2010 beinhaltet die Liste der „für den Alltag gebräuchlichen Schriftzeichen“ 2136 Zeichen. Zeichen ausserhalb dieser Liste werden in Zeitungen häufig von Hiragana begleitet, damit man weiss, wie man sie ausspricht. Ein youtube-Video von That Japanese Man Yuta illustriert, dass auch Muttersprachliche hin und wieder Mühe haben können, die obskureren Kanji des schulischen Kurrikulums zu reproduzieren. Und die Handschrift der Einzelnen lässt sehr zu wünschen übrig, wenn ich das mal sagen darf. Aber das nimmt mir auch ein bisschen den Leistungsdruck. Druck, den ich mir natürlich vor allem selbst mache. Wie äusserst japanisch von mir.

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