Der grosse Kanton und wir: Obrigkeit oblige.

Es ist schon sehr, sehr, seeeeehr lange her, dass Anja das letzte Mal hier war, um mich zu besuchen. Also, eigentlich besucht sie ja meine Katzen, aber ich lebe nun mal auch in dieser Wohnung. Dieser Besuch, der schon Äonen zurückliegt, beinhaltete ein unangenehmes Ereignis und eine dieser Offenbarungen, die manchmal ganz nebenher passieren: ein Anschauungsbeispiel der kleinen Differenzen zwischen der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland.

Der unfortunate event ging so: Wir hatten uns mit Freunden getroffen, um im Les Halles zu Abend zu essen. Wer schon mal dort war, kennt es: laut, unübersichtlich und suuuuper hip. Hat aber auch die besten Moules et Frites wo je häts gits, deshalb nehmen wir die Hipness hin und wieder in kauf. Während wir ausschwärmten, um uns Essen zu besorgen, wurden unsere kollektiven Taschen ihrer Wertsachen beraubt. Das ist besonders Scheisse, wenn man im Ausland ist und der Personalausweis (das ist hochdeutsch für ID) gestohlen wurde. Beim Fliegen, auch innerhalb des Schengenraums, wollen die Leute immer noch Papiere sehen. Papiere, die, wie wir am nächsten Tag herausgefunden haben, das deutsche Konsulat nicht so mir nix, dir nix herstellen kann.

Letzteres schockierte den freundlichen Polizeibeamten, der die Diebstahlanzeige aufnahm. Natürlich wies er uns darauf hin, wie sehr wir selbst schuld waren, da es ja wohl offensichtlich sei, dass dort geklaut werde. Und man sollte seine Tasche sowieso nie unbeaufsichtigt lassen. Und überhaupt. Als er uns diese Predigt hielt, fanden wir ihn noch nicht so freundlich. Unser beider Sympathien gewann er, als er so wunderschön schweizerisch auf die Unnachgiebigkeit der deutschen Behörden reagierten, die Anja a) keine neuen Reisedokumente ausstellen wollten und b) auch nicht garantieren konnten, dass man sie in Deutschland würde einreisen lassen.

Die Konsternation des Polizisten war dann auch urschweizerisch. Man wirft uns ja gerne vor, über die Massen obrigkeitsgläubig zu sein. Und mit „man“ meine ich eigentlich auch nur uns selbst, da im Ausland niemand um diesen Umstand weiss. Schweizerinnen und Schweizer haben oftmals ein geradezu naives Vertrauen in VertreterInnen der Obrigkeit aber auch, und das ist hier der springende Punkt, Anforderungen an ebendiese. Der Herr Polizist war empört – EMPÖRT – dass die Behörde, die für die Sicherheit ihrer BürgerInnen im Ausland zuständig ist, jegliche Kooperation verweigert. Zum Verständnis: einer Schweizer Bürgerin oder einem Schweizer Bürger wird bei Verlust oder Diebstahl der Papiere im Ausland ein sogenannter Notfallpass abgegeben. Dieser wird sogar am inländischen Flughafen ausgestellt, wenn der eigene Pass lediglich abgelaufen ist. Das kostet eine Stange Geld, ist aber ein relativ unkomplizierter Prozess. Dass ein solches Notfallprozedere für Deutsche nicht zur Verfügung steht, ist für uns wenig verständlich. Der Polizeibeamte gewann den Eindruck, dass Anja von den Behörden, die sie beschützen sollten, im Stich gelassen wurde. Und das ist für eine Schweizer Seele eine furchteinflössende Vorstellung.

In Deutschland scheint diese Verhaltensweise indes normal. Anja war jedenfalls nicht überrascht. Der Polizist legte ihr dann in der Folge nahe, in Deutschland umgehend einen Brief an ihreN zuständigeN AbgeordneteN zu schreiben. Das würde er tun. Und in der Schweiz würde er eine Antwort bekommen. Denn Obrigkeit oblige, und mit grosser Macht kommt grosse Verantwortung.

Anja ist übrigens heil wieder nach Hause gekommen und durfte, mit der Diebstahlanzeige der Polizei, auch einreisen. Den Brief an den Abgeordneten hat sie nicht geschrieben. Im Anschluss hat sie lediglich kommentiert, dass sie ja im Voraus gewusst hätte, dass die Schweiz teuer wäre, aber genau so einen Besuch könne sie sich also kein zweites leisten. Sie war in der Tat seither auch nicht mehr hier…

Siri die Katze nimmt ihr das übel.

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