Not All Men

Ich habe einen arabischen Familiennamen. Das führt dazu, dass ich, die ich Protestantin und in der Stadt Zürich aufgewachsen bin, nach jedem von islamischen Extremisten verübten Terroranschlag gefragt werde, wie ich das denn so finde.

For the record: Scheisse. Ich finde religiösen und anderen Terror Scheisse.

Und was habe ich damit zu tun? Genetik. Mein Vater ist Araber, und ich habe in der momentanen weltgeschichtlichen Lage die Arschkarte gezogen. Ich, die ich Schweizerin und Christin bin, muss mich von islamischem Terror distanzieren. Ich stehe, genetisch bedingt, unter Generalverdacht. Daher, und nun kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Posts, verstehe ich, warum einem unbehaglich ist, wenn man sich für Leute entschuldigen/rechtfertigen muss, mit denen man nebst genetischen Markern nichts gemeinsam hat. Auch das ist nämlich Scheisse.

Sonntagmorgen, Langstrasse & die Frage, welcher gruslige Taxifahrer am wenigsten wie ein Vergewaltiger aussieht.  #justgirlythings

Der Originalpost, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Eine Freundin von mir hat letzten Sonntag früh einen Facebook-Status veröffentlicht darüber, wie unwohl sie sich bei vielen Taxifahrern fühlt, wenn sie nachts auf dem Weg nach Hause ist. Sie hat dort geschrieben, dass sie immer ein bisschen schaut, wer am wenigsten nach Vergewaltiger aussieht. Und kaum hat Frau diese Bedenken geäussert, kriechen sie aus ihren Löchern: die Nicht-Alle-Männer.

Schwestern und Gentlemen, ihr kennt sie. Die Nicht-Alle-Männer sind die Ersten, die sich zu Wort melden, wenn besonders Frauen (sogenannte Betroffene) ihre gelebte Erfahrung mit der systemischen Misogynie unserer Gesellschaft öffentlich machen. Denn ganz egal, wie viele Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen aller Art werden, für Nicht-Alle-Männer ist es fundamental, dass auch die Frau, die bewusstlos hinter einer Mülltonne von einem Kommilitonen vergewaltigt wurde, weiss, dass dieser spezifische Sprecher/Schreiber so etwas nie tun würde. Dass ein Mensch in einer Position der absoluten Hilflosigkeit auf widerlichste Weise missbraucht wurde, ist dabei für Nicht-Alle-Männer sekundär. Wichtig ist einzig, dass allen (Frauen) präsent ist, dass sie ganz anders sind.

Meine Freundin wurde selbstverständlich konkret gefragt – von Männern, natürlich – wie so ein Vergewaltiger denn aussehe. Weil man das nämlich niemandem ansehen kann, imfall. Und da habe ich innerlich geseufzt. Denn offensichtlich sieht man niemandem an, dass er ein Vergewaltiger ist. Aber ein Bauchgefühl gibt es. Wenn einem der Taxifahrer übertrieben freundlich beim Einsteigen hilft. Wenn er einen dabei von oben bis unten taxiert. Wenn er Kommentare darüber macht, wie hübsch man ist und wissen will, ob man einen Freund hat. Nein, das ist nicht Flirten; ich bin wegen der Dienstleistung hier, nicht, um mich nachts um drei in einem geschlossenen, sich in Fahrt befindenden Blechkistchen dumm anmachen zu lassen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass der Typ danach ja weiss, wo wir wohnen. Supi. Das sind all die Dinge, die ich hätte erklären können, aber ich habe es nicht getan. Weil ich die Schnauze voll habe von dem unreflektierten Nicht-Alle-Männer-Gesindel.

Denn eines sollte uns klar sein: die Nicht-Alle-Männer wollten gar nichts über den Prozess hören, den meine Freundin anwendet, um doch noch heil nach Hause zu kommen. Sie haben, wie das so üblich ist, überlesen, dass es um die allgegenwärtige Gewissheit geht, dass man als Frau immer nur eine Begegnung vom posttraumatischen Stresssyndrom entfernt ist. Das Einzige, was bei ihnen hängen blieb war die Tatsache, dass eine Frau eine Angst gegenüber Männer geäussert hatte. Was sie wollten, war die Klarstellung, dass sie nicht persönlich gemeint sind.

Webcomic über "Not-All-Man", Beschützer der Beschützten. (c) Matt Lubchansky

Ich weiss, wie mühsam es ist, unter Generalverdacht zu stehen, wenn man als (vermeintliches) Mitglied einer Gruppe für die Taten Einzelner verantwortlich gemacht wird. Doch so einfach ist das hier nicht. Die Misogynie in unserer Gesellschaft ist nicht eine Frage von ein paar verachtenswerten Individuen, sie ist systemisch. Wir begegnen ihr täglich, und ich fühle, wie ich jetzt schon wieder die Augen rolle, weil wir – Frauen – schon seit Jahrzehnten darauf hinweisen. Und auch hier habe ich die Schnauze voll davon, diesen pseudo Advocati Diaboli Sachverhalte zu erklären, die sie genau so gut googeln könnten. Aber auch das ist ein erklärtes Ziel der Nicht-Alle-Männer: sie verschwenden unsere Zeit damit, ihr Ego zu besänftigen, während wir auch an der Veränderung der Gesellschaft arbeiten könnten. Letzteres betrifft freilich weniger die Trostpreise, die einem auf Facebook zutexten, und mehr die Mitglieder unserer nationalen, kantonalen und kommunalen Regierungsorgane. Falls ein Mann tatsächlich etwas zur Realität des Lebens der Frauen seines Umfelds wissen wollte, könnte er sie fragen. Problematisch ist, dass er danach auch zuhören müsste, und die grösste Hürde überhaupt ist, dass Männer dazu tendieren, Frauen nicht zu glauben. Wenn du ein Mann bist, und das hier liest, dann denkst du in diesem Augenblick, dass ich übertreibe, und alles ja gar nicht so schlimm ist. Dies ist ein ganz grundsätzliches Problem, die Wurzel allen Übels. Männer glauben Frauen nicht. Sonst wäre es wohl kaum zu erklären, warum Vergewaltigungsopfer sich immer noch für ihre Kleidung oder ihren Alkoholkonsum rechtfertigen müssen. Und ja, auch das ist belegt, und ich werde hier keine weiteren Ausführungen zu dem Thema machen. Mach deine Hausaufgaben verdammt noch mal selbst.

Fakt bleibt, Frauen sind nicht sicher auf den Strassen. Oder zuhause. Wir sind niemals in Sicherheit. Und schon gar nicht nachts um drei, wenn wir uns überlegen müssen, zu irgend so einem Typen ins Auto zu steigen. Denn man sieht den Vergewaltigern nicht an, dass sie Vergewaltiger sind. Und weil wir das nicht sehen können, müssen wir bei jedem einzelnen Mann, den wir jemals in unserem Leben antreffen, evaluieren, ob wir unsere körperliche und seelische Integrität jetzt und hier aufs Spiel setzen wollen. Meine liebsten Nicht-Alle-Männer sind übrigens die, die an dieser Stelle dann Statistiken zitieren, nachdem die meisten Vergewaltigungen sowieso nicht vom grossen Unbekannten in der dunklen Gasse verübt werden, sondern von Tätern, die die Opfer persönlich kennen. Hervorragendes Argument. Heisst das, ich bin statistisch sicherer, wenn ich gar nicht erst neue männlichen Bekanntschaften schliesse?

Because what men fear the most about going to prison is what women fear most about walking down the sidewalk. #yesallwomen

Tatsächlich ist es hochriskant, überhaupt zu Daten. Zumal für 27% der Europäer Sex ohne Einverständnis völlig easy ist. Woher soll ich denn im Vorfeld wissen, ob du zu den anderen 78% gehörst? Oh, und dann sind dann noch die, die „versehentlich vergewaltigen„. Whoopsie daisy, ich nehme an, das kann jedem mal passieren. Oder wie die Studie zeigt, immer mal wieder. Ein schwarzer Amerikaner meinte mal zum Thema Polizeigewalt, dass er, wenn er hundert giftige Schlangen auf sich zuströmen sieht, die Tür schliesst, ohne abzuwarten, ob vielleicht eine dabei gewesen wäre, die nicht beisst. Frauen haben da historisch mehr Risikofreude bewiesen, und es eins ums andere Mal wieder darauf ankommen lassen, gebissen zu werden. Und wir sind dafür gestorben. Laut einer Studie aus der EU sind etwa die Hälfte aller Frauen schon einmal Opfer sexueller Übergriffe geworden. Die grösste externe Gefahrenquelle für Frauen sind Männer. Auch. Das. Ist. Belegt.

Nicht alle Männer sind Vergewaltiger. Aber das steht halt nicht allen Männern ins Gesicht geschrieben.

Quote by Kurt Cobain: Rape is one of the most terrible crimes on Earth and it happens every few minutes. The problem with groups who deal with rape is that they try to educate women about how to defend themselves. What really needs to be done is teaching men not to rape. Go to the source and start there.

13 Gedanken zu “Not All Men

  1. More ist die Verbindung zwischen den beiden Teile noch nicht ganz klar . Du findest es also okay , dass du dich als Araberin oder zumindestens arabisch aussehende Frau entschuldigen musst und Leute auch bei dir sagen „nicht alle Arbeiten terroristinnen oder Moslems , die radikal sind , aber man weiß eben nicht welche“ und deswegen findest du es auch okay , wenn man entsprechendes über Männer sagt ?

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    • Ich finde es nicht wahnsinnig prickelnd, aber ich habe mich damit abgefunden. Männern stünde es gut zu Gesicht, wenn sie der Situation mit ähnlichem Gleichmut begegnen könnten. Zumal die Angst von Frauen gegenüber Männern statistisch gesehen um etliches gerechtfertigter ist, als die Angst vor islamistischen Terror.

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      • Klar, aber das muss man ja nicht gut finden. Verantwortung für die Taten einer Gruppe als Einzelperson ist ja immer schwierig. Natürlich verstehe ich Ängste von Frauen. Aber sie hat deswegen keinen Anspruch auf ein bestimmtes handeln, dass wäre allenfalls eine Frage der Höflichkeit.

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      • Wir haben das Recht, uns sicher zu fühlen. Das tun wir nicht. Dass wir das nicht können hat mit der Sozialisierung und dem Verhalten von Männern zu tun. Wir vergewaltigen uns nicht selbst. Es ist nicht eine Frage der Höflichkeit, Frauen nicht zu bedrohen, zu belästigen, in die Enge zu treiben und/oder zu vergewaltigen. Wer so argumentiert, ist nicht ein Mensch, den ich nachts alleine würde antreffen wollen.

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      • Wieviel Prozent der Männer vergewaltigen den deiner Meinung nach?
        Es ist eine Frage der Höflichkeit ob ich als nichtvetgewaltiger und Nichtbedränger etwas mache, was nicht auch eine Frau in der Situation machen würde, also besondere Abstände oder was auch immer.

        Oder machst du etwas als arabisch aussehende damit Leute sich sicher fühlen?
        Wechselst du etwa die Straßenseite?

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      • Schau, lieber Nicht-Alle-Männer-Vertreter: wie ich bereits im Post geschrieben habe, sind mir die Gefühle deiner Sorte scheissegal. Diese Diskussion ist beendet.

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      • Klar, wird ja auch ungemütlich, wenn man es aufschlüsselt und vergleicht.
        Aber wenn man sich Kritik nicht stellt, dann macht man halt nur deutlich, dass man eine schwache Position mit inhaltlichen Schwächen hat.
        Trotzdem danke für die Diskussion

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      • Du hast nichts gesagt, dass im Post nicht schon besprochen wurde. Inzwischen habe ich auch deinen Blog gesehen und verstehe jetzt, worauf das hinausläuft. Über ein unfollow würde ich mich sehr freuen.

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      • Lustig, wie jedes mal, wenn jemand keinen bock mehr auf mühselige diskussionen, die niemandem etwas bringen und bestenfalls ein müdes, halb genervtes belächeln heevorrufen, die person „keine“ oder „schwache“ argumente hat, oder „nicht diskutieren“ kann.
        Die erfahrung zeigt, dass die menschen ohne argumente am lautesten rumbrüllen und stets das gleiche wiederholen. Das sind die tauben.
        Denn mit solchen menschen zu diskutieren, ist wie mit einer taube schach zu spielen: egal, wie gut du spielst, die taube wird am ende aufs spielbrett hüpfen, draufkacken und alle figuren umwerfen.

        Warum sollte man da zuende spielen, wenn man das ergebnis kennt.

        Und zu deiner frage, wieviele männer vergewaltigen: wenn du mal google gefragt hättest, hättest du feststellen müssen, dass jede 3. frau ihn ihrem erwachsenenleben sexuelle oder andere körperliche gewalt seitens männer erfahren hat. Jede 7. frau wird vergewaltigt. Hab ich es erlebt? Ja. Hat die autorin es erlebt? Ja. Kenne ich in meinem freundinnenkreis noch 3 andere frauen, die es erledt haben? Ja. Kenne ich keine einzige frau, die nie belästigt wurde? Ja.
        Und wenn jede 7. frau in europa vergewaltigt wurde, muss auch jeder 7. mann ein vergewaltiger. Und da jede 3. frau von gewalt betroffen ist, müssten auch 33% der männer ausüber der sexuellen gewalt sein, weil mathematik und so. Vielleicht etwas weniger, weil es ja mehrfachtäter mit verschiedenen opfern gibt, aber das ist womöglich statistisch vernachlässigbar.

        Dann zur arabischen frau: wenn man nicht grad ein kopftuch trägt, merkt dss ja keiner. Und vor frauen muss man eh keine angst haben, da die terroristen, von denen wir hören – und jetzt halt dich fest – alle männer sind!
        Aber als mann könnte man, wenn man denn wirklich wollen würde, schon etwas am verhalten ändern (vor allem die kollegin, die man um 2h früh nach hause begleitet, nicht in ihrer wohnung vergewaltigen). Zum beispiel könnte man ein vorbild sein und männer, die sich scheisse benehmen, mal zurechtweisen (vor allem die eigenen kumpels, amiright?). Oder seine hände bei sich behalten. Oder frauen nicht widerlich ankucken. Und frauen zuhören… ja. Das wär doch mal was. Frauen zuhören und ihnen nicht sagen, dass sie übertreiben. Aber was red ich da nur. Du liest das ohnehin nicht zuende, weil ich eine frau bin und dazu eine hysterische, gell.

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      • „Bei der arabischen Frau sieht man es ja nicht, deswegen ist es okay“ ist ein erstaunliches Argument.
        Was dir vielleicht nicht klar ist: als Mann möchte ich auch gern sicher leben. Wenn man Idioten zurückweist, dann bekommt man als Mann schnell einen auf die Fresse. Und darauf habe ich verständlicherweise keine Lust. Da muss ich gar keine Geschlechterstereotypen des starken Mannes reproduzieren.
        Die andere Erfahrung ist, dass viele Frauen kein eingreifen wünschen, es sei denn sie sagen das.
        „Frauen zuhören“, geht das in die Richtung, dass Frauen als Opfer unhinterfragbar sind und Männer eben still zu sein haben?
        Du schätzt mich falsch ein: ich diskutiere gerne und natürlich auch mit Frauen. Warum sollte ich da unterscheiden?

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      • Das mit der arabischen frau meint eher, dass frau, solange nicht als araberin identifiziert, sich auch nicht rechtfertigen muss für monotheistische nutbags, die ihr eigenes regelbuch nicht verstehen.

        Schön finde ich, dass du denkst, du wärst der erste mann, mit dem ich diese tetris-diskussion führe. Die blöckli kommen immer runter, du kannst sie schön stapeln, aber irgendwann kommst du oben an, hast nichts gewonnen und game over.
        Tetris-diskussionen langweilen mich. Wenn ich jedesmal einen 20er bekommen würde, wenn ich diese diskussionen mit leuten wie dir führe, wär ich millionärin.
        Wenn du über verbrechen und deren statistiken nachdenken willst, lies das handbuch der forensischen psychiatrie. Da brauchts dann auch keinen diskurs mehr, da auch dunkelziffern behandelt werden.
        Und dass du nicht gern eins auf die fresse kriegst, macht sinn. Aber lieber krieg ich eins aufe fresse, als dass ich irgend nem schmierling beim eklig sein zuschau. Man muss ja nicht allein intervenieren. Man könnte auch mehrere leute sein. Und glaub mir, du SIEHST, wenn eine frau deine unterstützung braucht.

        Aber long story short: thank you and good night. Game over.

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