Observationen aus dem benachbarten Ausland: Die Sache mit den ÖV

Eigentlich hatte ich es schon vermutet. Manchmal, an Abstimmungssonntagen zwischen zwei Tobsuchtsanfällen, oder beim Gespräch mit der Landbevölkerung über völlig unverfängliche Themen wie obligatorischen Vaterschaftsurlaub oder die Rechte von Transmenschen, machte sich in mir dieses leise Unbehagen breit, diese Ahnung: die Stadt Zürich ist nicht die Schweiz, und die Schweiz ist nicht die Stadt Zürich. Dinge, die in der Stadt Zürich (im Folgenden “Zürich” genannt, weil wenn man aus Bülach kommt, gehört es sich nicht, zu sagen, man sei von Zürich) völlig selbstverständlich sind, sind auf dem Land bisweilen alles andere als unbestritten.

Seit einigen Monaten habe ich wieder Gelegenheit, eigene Erfahrung im Umgang mit ländlichen Gemeinden zu sammeln. Seit August arbeite ich nämlich im malerischen Rapperswil, Sankt Gallen. Ja, Rapperswil-Jona hat Stadtrecht, so rein theoretisch. Aber in der Schweiz gibt es genau sechs Städte (Zürich, Genève, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur, der Grösse nach geordnet), und alles andere sind… Orte. Aber man muss ja keine Stadt sein, um hübsch zu sein. Und Rapperswil ist sehr, sehr hübsch. Wo man schaut hat es See oder Berge, die Promenade ist pittoresk, und eine mittelalterliche Burg thront auf dem Hügel. Alles toll. Allgemein ist hier sehr vieles toll, aber es gibt halt diese eine heilige Kuh, über die man mit ZürcherInnen nicht reden kann. Weil unsere Realität sehr klar definiert ist, und wir Ansprüche haben, denen andere Leute nicht genügen können/wollen.

Wir sprechen jetzt trotzdem über die Sache mit den ÖV. Ich bin Stadtzürcherin, und eine logische Konsequenz davon ist, dass ich keinen Führerschein habe. Wozu auch? Ich habe noch nie weiter als sechs Gehminuten von einer Haltestelle entfernt gewohnt, und jeder Mensch, der mal mit dem Auto in Zürich war, weiss, dass man nirgends parkieren kann. Das ist Absicht. In den letzten dreissig Jahren, Abstimmung um Abstimmung, hat das Stimmvolk von Zürich dafür gesorgt, dass es mehr Tram und weniger Parkplätze gibt. Und das ist gut so. An meine Grenzen gelange ich immer nur dann, wenn ich auf dem Land unterwegs bin. Bis Rapperswil läuft ja alles gut: ich steige in Oerlikon in eine von zwei halbstündlich verkehrenden S-Bahnen, und in Rapperswil angekommen steige ich wieder aus. Ich erspare mir das Umsteigen im Hauptbahnhof in der Stosszeit, und ich fahre sowieso den Massen entgegen, da die ja alle auf dem Land wohnen und in der Stadt arbeiten. Jedem das Seine. Wie das Grossmueti schon gesagt hat, es isch nur für die wo wei.

In Rapperswil angekommen habe ich am Bahnhof vier Buslinien zur Auswahl. Drei davon fahren lange genug in die gleiche Richtung, dass ich eine beliebige davon benutzen könnte. Die Busse hier fahren aber im Halbstundentakt. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen: jede dieser Buslinien verkehrt alle dreissig Minuten. Natürlich fahren sie aber auch alle zu etwa der gleichen Zeit. Das heisst, man hat im Abstand von fünf Minuten vier Busse, und dann 25 Minuten lang keine mehr. Seriously. Was soll das? Man könnte jetzt argumentieren, dass diese Busse Züge abwarten. Das tun sie nicht, zumindest nicht auf eine für das blosse Auge erkennbare Art. Vielleicht müssen sie Anschlüsse andernorts erreichen? Das mag sein, ist aber nicht praktikabel. Denn diese Busse sind auch immer verspätet. Aber darüber rege ich mich ein anderes Mal auf.

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