Observationen aus dem benachbarten Ausland: Dorfgespräch

Es war ein etwas schleichender Prozess, ich habe es nicht gleich bemerkt. Viel davon habe ich auf meine Anwesenheit zurückgeführt, die natürlich zu solchen Gesprächen Anlass geben kann. Doch dann habe ich zufällig Konversationen gehört, die nichts mit mir zu tun hatten, die von Menschen geführt wurden, die mich noch gar nicht gesehen hatten, und ich begriff: Die reden über uns da draussen.

Die, das ist die Landbevölkerung. Wir, das sind die Zürcherinnen und Zürcher, und das Reden, das kann ganz verschiedene Formen annehmen, unter denen zwei aber besonders häufig observiert werden können: der Direktvergleich und der Diss. Oft auch aufeinander folgend oder direkt kombiniert. Bei dem Gespräch, dass ich da gehört hatte, ging das so:

A: „… und als er am Bahnhof (Rapperswil) ankam, schüttete es wie aus Eimern. Natürlich hatte er keinen Schirm dabei. Auf halbem Weg ist er aber dieser alten Frau begegnet, und die hat ihn dann mit dem Schirm bis vor die Tür begleitet!“

D: „Wow, das ist ja voll nett von ihr!“ Pause. Dann, „In Zürich wäre das nie passiert. Dort sind auch die Alten total unfreundlich.“

Aha. Unsere Alten sind total unfreundlich. Ich hoffe, ihr wisst das, betagte Zürcherinnen und Zürcher. Unfreundlich und arrogant ist sowieso das Hauptthema, aber, seien wir ehrlich, das sind wir uns ja gewohnt. Auch mir war bewusst, dass wir im benachbarten Ausland so wahrgenommen werden, was ich nicht wusste, ist, wie oft Zürich diskutiert wird. Ein Freund von mir, der ursprünglich aus Baselland stammt, erwähnt auch hin und wieder, wie bei Familienfesten über Zürich gelästert wird. Gut, im Baselbiet gehört das vermutlich zum guten Ton. Aber auch eine Freundin aus Bern hat schon erzählt, wie man sich dort ganz nonchalant über Zürich auslässt, und warum man niemals dort würde leben wollen. Einerseits trifft mich das tief, da meine Familie aus dem Kanton Bern stammt und berndeutsch meine Muttersprache ist. Andererseits… zwingen wir niemanden, umzuziehen. Es ist nicht so, als hätten wir zuwenig EinwohnerInnen.

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Observationen aus dem benachbarten Ausland: Da steppt der Bär – einfach nicht sehr lange.

Komm doch nach Sankt Gallen (den Ort) sagten sie. Das wird total lustig, sagten sie. Und das mag durchaus sein. Das Problem ist, wenn ich erst mal dort bin, wie komm ich denn wieder weg?

Ich hatte ja jetzt doch schon ein, zwei, drei späte Nächte in Rapperswil. Das hing entweder mit unserem gut gefüllten Bier-Kühlschrank zusammen, oder aber ganz konkret mit dem Bären. Der Bären ist eine der wenigen ortsansässigen Kneipen, und ein echt charmanter Ort. Hier bin ich zum ersten Mal mit dem „Flämmli“ in Kontakt gekommen, dem wohl involviertesten Prozess, Kaffee und Alkohol zu vermischen. So involviert, dass ich eine Facebook-Seite gefunden habe, die sich rein damit befasst, oder auch eine abgekürzte Instruktion auf Vogel-Lisis Blog. Don’t try this at home. Wendet euch an einen Profi. Mein Flämmli wurde auch von einem Veteranen der Kunst hergestellt.

Zucker wird über dem brennenden Alkohol in einer Tasse geschmolzen.

Flämmli in Action

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Observationen aus dem benachbarten Ausland: Mehr kapitalistisch als katholisch.

Wie, genau, habe ich es geschafft, in dem einzigen katholischen Kanton zu arbeiten, der weniger Feiertage hat als Zürich?

Ich bin ja normalerweise eher amüsiert, dass ich in einem fremden Kanton arbeite. Aber heute morgen habe ich es gehasst. Das hat natürlich hauptsächlich mit meiner momentanen Lebensgestaltung zu tun. Seit ich nebst dem 80% Arbeitspensum noch zur Schule gehe, bin ich konstant übermüdet und am Anschlag. Wenn mir dann noch ein Feiertag, den ich seit gut 25 Jahren regelmässig begehe, verwehrt bleibt, dann bereitet mir das geradezu physische Schmerzen. Ich habe furchtbar schlecht geschlafen, insgesamt bin ich vielleicht auf drei Stunden gekommen. Ich bin randvoll von Verzweiflung. Seit ich aufgestanden bin, weine ich im Inneren bittere Tränen. Ich nehme es übel. So richtig, abgrundtief, todschwarz übel. Es ist, als fühlte ich die ganze Gewalt des kapitalistischen Systems am eigenen Körper.

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Observationen aus dem benachbarten Ausland: Culinaria

Ein der wichtigsten Fragen, die man bei Antritt einer neue Stelle klären muss, ist, wo das Essen herkommen soll. Ja, klar, ich koche gern und oft, aber halt nicht immer. Und dann muss externes Essen her. Rapperswil ist dahingehend, sagen wir, eher konservativ. Gegenüber dem Büro stehen eine sympathische und eine weniger sympathische Beiz, die Migros ist nicht weit, und einen Pizzalieferdienst gibt es auch.

Ein Highlight ist die Dame mit dem Thai-Restaurant schräg über die Kreuzung: ihre Gerichte sind hervorragend, auch wenn die Preise Stadtzürcher Flair haben, und ihr Service gibt immer tagelang zu reden im Büro. Es ist bemerkenswert, wie lange es dauert, dort zu der angestrebten Portion roten Thai-Currys mit Ente zu kommen. Minuten werden zu Stunden, Tage vergehen, die Jahreszeiten wechseln sich ab, und man hofft einfach, noch vor der Pensionierung dran zu kommen. Die Schlange vor dem Lokal macht einem natürlich klar, welch grosser Beliebtheit sich dieses erfreut. Aber wenn Madame auch nur den Hauch von Effizienz besässe – wir könnten binnen Minuten drin und wieder draussen sein. Es ist ein Spektakel, das sich jeder Beschreibung entzieht. Geradezu traumtänzerisch wirkt ihre Herangehensweise, gänzlich unverständlich für den Geist im Wachzustand. Vermutlich ist da etwas Transzendentales, das sich meiner gestressten Stadtseele noch nicht offenbart hat.

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Observationen aus dem benachbarten Ausland: Die Sache mit den ÖV

Eigentlich hatte ich es schon vermutet. Manchmal, an Abstimmungssonntagen zwischen zwei Tobsuchtsanfällen, oder beim Gespräch mit der Landbevölkerung über völlig unverfängliche Themen wie obligatorischen Vaterschaftsurlaub oder die Rechte von Transmenschen, machte sich in mir dieses leise Unbehagen breit, diese Ahnung: die Stadt Zürich ist nicht die Schweiz, und die Schweiz ist nicht die Stadt Zürich. Dinge, die in der Stadt Zürich (im Folgenden “Zürich” genannt, weil wenn man aus Bülach kommt, gehört es sich nicht, zu sagen, man sei von Zürich) völlig selbstverständlich sind, sind auf dem Land bisweilen alles andere als unbestritten.

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