Gebrauchsanweisung für die Stadt: How to Velo

Zürich, heisst es von Seiten der VelofahrerInnen, sei keine Velostadt. Unser Netz sei unvollständig, unausgereift, etc. Wir liegen weit hinter Städten wie Amsterdam und Kopenhagen zurück, beide wahre Mekkas für VelofahrerInnen. Bei uns ist es ja richtig gefährlich, sagen sie. Da muss ich ja dann immer ein bisschen lachen, weil gefährlich ist im Kontext der Schweiz immer etwas… äh, hoch gegriffen. Nichts bei uns ist, im internationalen Vergleich, gefährlich. Aber ja, auf der Strasse mit den Autofahrern koexistieren zu müssen birgt Risiken. Risiken, die die VelofahrerInnen selbst aber auch nicht zwingend zu minimieren gewillt sind. Und gegenüber FussgängerInnen haben sie ja jetzt auch nicht gerade ein Übermass an Respekt und Konsideration.

In der Tat hat die Stadt Zürich innerhalb ihres Verkehrskonzepts viel vor mit den Velos: durch den 2015 angenommenen Gegenvorschlag zur Initiative von Pro Velo steht ein Rahmenkredit von 120 Mio. CHF zur Verfügung, um die Stadt sicherer und befahrbarer zu machen. In diesem Zusammenhang darf aber von den VelofahrerInnen der Stadt auch ein bisschen Kooperation erwartet werden.

1. Wenn du älter bist als zwölf, fährst du auf der Strasse.

Provozier mich nicht, wenn ich einen Schirm dabei habe. Der passt gut in deine Speichen. Weisst du, warum Zürich nicht mehr Velowege braucht? Weil die Velofahrer ja sowieso alle auf dem Trottoir unterwegs sind. Was soll das eigentlich? Abgesehen von der Innenstadt braucht man nirgends Angst zu haben, im Verkehr übersehen zu werden. Aber in einem Karacho das Trottoir hoch zu kommen und dabei billigend in Kauf zu nehmen, mit dem Fussverkehr zu kollidieren, das ist nur Arschlochigkeit.

2. Verkehrsregeln sind verbindlich.

Deshalb nennen wir sie „Regeln“ und nicht „Verkehrsvorschläge“. Die gelten auch für Velos. Ja, natürlich weisst du alles besser, und bist eh viel schneller als der übrige Verkehr. Wenn du dann unter einem Lastwagen/Tram endest, kriegst du aber kein Mitleid.

3. Fussgänger haben Vortritt auf dem Zebrastreifen.

Ja, auch vor dem Velo. Ja, es kann sein, dass du deswegen anhalten und einen Fuss auf dem Boden platzieren musst. Ich weiss, das ist sicher mega mühsam, dann wieder anfahren zu müssen und so. Viel Pech, hm?

4. Und auf dem Trottoir.

Noch mal: wieso genau fährst du auf dem Trottoir? Hast du Angst vor der Strasse? Dann solltest du nicht Velo fahren. Wir haben Trams. Oder zieh wieder auf’s Land.

5. Zu cool für den Velohelm?

Ein Velohelm, der aussieht, wie ein Drache.

Nicht stylish genug?

Schau, es ist nicht mein Bier, was du anhast. Es ist einfach mein persönliches Empfinden, dass den meisten Menschen der Velohelm trotz allem besser steht als ein zertrümmerter Schädel. Aber Jedem das seine. Ich habe schon viele Gründe gehört, warum der Helm nicht getragen wird. „Unbequem“, „nicht stylish“, „ich fahre vorsichtiger, wenn ich keinen Helm anhabe“, etc. Besonders der letzte Satz ist hahnebüchener Bullshit, da schliesslich Jede und Jeder selbst bestimmen kann, wie er/sie sich mit oder ohne Helm verhält. Wie gesagt, obligatorisch ist er ja nicht. Darauf zu verzichten ist nur einfach jenseitig dumm.

6. Ja, wir haben Tramgleise.

Auf dem Land ist es sicher einfacher, den Verkehr zu navigieren. Erstens lebt dort sonst niemand, und zweitens haben die da keine Trams. (Weil dort niemand wohnt.) Kinder, die velofahrend in der Stadt aufgewachsen sind, haben alle eine Geschichte, wo sie zum ersten Mal ins Tramgleis gekommen sind mit dem Vorderreifen. Im Übrigen auch eine Geschichte über das LETZTE Mal, als sie dieses Schicksal ereilt hat. Meine Nemesis war die Schlaufe im Heuried. Was wir tun, wenn das passiert ist folgendes: wir schleppen uns und das Velo an den Strassenrand, lecken unsere Wunden und lachen ein bisschen über unsere Unachtsamkeit. Was wir nicht tun: über die Gleise nörgeln. Die gehören da hin.

7. Als Veloblitz stehst du nicht über dem Gesetz.

Es sind vor allem die Velokuriere, die den VelofahrerInnen überall den schlechten Ruf beschert haben. Sie eilen, sie fliegen, und die Gesetze der Strasse gelten für sie nicht. Sie sind ihr eigenes Gesetz. Wie Judge Dredd. Sie sind aber, im Gegensatz zu Judge Dredd, sogenannte Real-Life-Charaktere, aus weichem Fleisch und flüssigem Blut. Es wäre doch schade, wenn wir das mal wieder von der Strasse scheuern müssten, nur, weil du gedacht hast, du kämst noch vor diesem Tram bei Rot über die Kreuzung.

8. Kopfhörer im Strassenverkehr? Echt jetzt?

Ja, wie beim Velohelm gibt es auch hier kein Verbot. Man darf also zum Velofahren in massiver Lautstärke Death Metal hören – solange nichts passiert. Sollte aber etwas passieren, ist der/die MusikfreundIn dran. Wenn sich nämlich rausstellt, dass der Unfall durch das Musikhören begünstigt wurde, wirkt sich das auf eine eventuelle Strafe erschwerend aus. Was natürlich alles hinfällig ist, wenn du unter dem Lastwagen liegst, den du wegen der Kopfhörer nicht bemerkt hattest, als du links abbiegen wolltest.

 9. Gehst du jetzt gopferdammi vom Trottoir runter?!

Ey, ich höre mich an, wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Verstehe, ihr wisst nicht mehr, wie Schallplatten funktionieren. Ist easy. Wollte sagen, ich wiederhole mich. Weil mir schon wieder eine Velofahrerin auf dem Trottoir entgegenkommt. Und nicht einfach auf dem Trottoir: am Bellevue, vor dem Odeon, zwischen dem Restaurant und den Promenadensitzplätzen. Da hilft es auch nichts, dass die Zwetschge einen Helm auf hat. Wirklich. Ich meine, wirklich. Irgendwann ist doch auch gut, oder?

Die Quaibrücke in Zürich an einem Sommertag.

Es sollte offensichtlich sein: FussgängerInnen und VelofahrerInnen sitzen grundsätzlich im gleichen Boot. Wir sind beide gegenüber den Autos die Schwächeren. Wir sind beide potentiell umweltverträglicher. Wir sind beide unschuldig am Stau auf der Hohlstrasse. Wir ziehen doch am selben Strang, zusammen mit der Stadt und ihrem Verkehrsplan. Vielleicht könnten wir also versuchen, uns auf Augenhöhe zu begegnen.

Einfach nicht auf dem Trottoir.

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