Die Trauer um Fremde

chris cornell

Chris Cornell

Ich hatte keinen besonderen Bezug zu Chris Cornell. Obwohl ich Seattle im Herzen trage, ist mein Metal der, der unmittelbar vor Soundgarden kam. Ehrlich gesagt fand ich seine Texte immer wahnsinnig weinerlich. Das tut mir jetzt natürlich ein bisschen leid, angesichts seines Selbstmords. Ich wusste nicht, dass er an Depressionen litt.

Nichtsdestotrotz ist mir klar, dass Chris Cornell ein grossartiger Musiker war, und eine Ikone seiner Zeit. In meinem Freundeskreis sind viele Leute, denen sein Tod nahe geht. „Black Hole Sun“ war ein Song, der bei Karaoke From Hell oft gesungen wurde, und ich war zwar nicht immer ein Fan der entsprechenden Darbietungen, aber ich stand in der ersten Reihe, habe mitgesungen und Beifall gespendet. Nicht zuletzt habe ich im Schatten jener Black Hole Sun (die eigentlich nur „Black Sun“ heisst) im Volunteer Park von Seattle gesessen, die dem Song den Titel gab. Ich war kein Fan von Chris, aber ich anerkenne seinen Platz in der Musikgeschichte.

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„Black Sun“ von Isamu Noguchi, 1969

Was ich aber so gar nicht leiden kann, sind die zwei Sorten Kommentare, die immer auftreten, wenn ein prominenter Mensch gestorben ist und andere Menschen ihre Betroffenheit kund tun. Der Erste ist die „du hättest ihn/sie zu Lebzeiten feiern sollen, nicht erst jetzt, wo er/sie tot ist“-Unverschämtheit. Da masst man sich doch einiges an. Woher will man denn wissen, wie intensiv der/die Angesprochene das Oeuvre der/des Verstorbenen er- und gelebt hat? Dass man nicht regelmässig mit dem eigenen Kunstkonsum hausieren geht, bedeutet nicht, dass er nicht stattfindet. Wenn ich im stillen Wald Musik höre… eben. Ihr könnt alle froh sein, dass ich nicht jeden Song, den ich höre, auch noch auf Facebook poste.

Und selbst wenn ich schon lange nichts mehr von dieser Künstlerin oder diesem Künstler gesehen oder gehört habe – was geht das Andere an? Ich muss meine Trauer nicht rechtfertigen.

Was uns nahtlos zu Nummer 2 bringt, einer noch viel mühsameren Verfehlung. Die Argumentation geht etwa so:

„Wieso trauerst du, du kanntest den/die doch gar nicht. Es sterben jeden Tag tausende von Menschen (Flüchtlinge im Mittelmeer, Kinder in Afrika, etc.), um die trauerst du auch nicht. Nur, weil der/die berühmt war, war er/sie auch nicht wichtiger, als alle anderen Menschen.“

Ahem. Shut the fuck up.

Ich trauere nicht, weil ich diesen Menschen kannte, sondern weil diese Person dazu beigetragen, dass ich bin, wer ich bin. Nicht mehr, nicht weniger.

Niemand entwickelt sich in einem Vakuum. Wir sind alle Produkte unserer Umwelt. Meine Persönlichkeit wurde im Kindes- und Jugendalter geformt von japanischen Anime-Serien, 80er Jahre Heavy Metal, den Büchern von Enid Blyton, Wolfgang Hohlbein und Marion Zimmer Bradley – und natürlich von Star Trek. Was ich alles gelernt habe, vor dem Fernseher oder mit meinem Walkman! Sprachen. Wissenschaft. Werte. Noch heute, in Zeiten von schwierigen Entscheidungen, frage ich mich: was hätte Picard getan?


2016 war bekanntlich das Jahr, das all unsere Künstlerinnen und Künstler dahingerafft hat. Bei David Bowie konnte ich die Nerven behalten, Alan Rickman hat mich schon tiefer getroffen.

Und dann ging die Welt unter, denn Prince war gestorben.

prince

The Artist Known as Prince

Ich erinnere mich an den Anruf meiner Mutter. Es war im April, und im Fernsehen lief gerade ein Bericht über die Vorbereitungen zum Geburtstag Ihrer Majestät, der Königin von England. Das kümmerte mich wenig, dann ich war damit beschäftigt, World of Warcraft zu spielen, und der Fernseher war das begleitende Hintergrundgeräusch. Als meine Mutter anrief, begriff ich nicht sofort das Ausmass der Situation. Die Schweizerdeutsche Sprache bringt es mit sich, dass vor dem Namen einer Person ein Artikel geführt wird. Also sagte sie, „der Prinz ist tot.“ Und in meiner Naivität dachte ich, sie spricht von einem der Prinzen des Vereinigten Königreiches, Prinz Philip vielleicht, der ja doch schon in die Jahre gekommen ist.

Es war ja auch ein so absurder Gedanke, dass Prince tot sein könnte. Er war 57 Jahre alt! Hatte er nicht gerade erst eine Tournee beendet? Ich bin nicht darüber hinweg. Es aufzuschreiben bringt mich zum weinen.

Für ein paar Wochen habe ich bei jedem Prince Song angefangen, zu heulen. Ich war mit der Freundin, die wohl der grösste Prince-Fan überhaupt ist, im Kino um Under the Cherry Moon und Purple Rain zu schauen. Mehr Tränen. Kurioserweise erinnerte mich dieser Verlust an einen schon lange zurückliegenden Tod von ähnlicher Tragweite.

freddie hard life

Freddie Mercury im grossartigsten Kostüm, das es je existierte.

Ja, ich heule auch bei Songs von Queen. Es ist 25 Jahre her, aber das ist irrelevant. Als Volk, als Menschheit, haben wir Künstler von enormem Talent und Einfluss verloren. Auf der persönlichen Ebene beklage ich den Tod von Helden.

Weint um eure Heldinnen und Helden. Die Trauer ist real und bedarf keiner Rechtfertigung. RIP Chris Cornell.

Prince-Symbol-StickerTWT

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