Papierlischwiizer

Herzlichen Glückwunsch, Schweiz, zu 727 Jahren! So ein bisschen zur Einstimmung auf unsere Bundesfeier haben wir ja im Juli mal wieder diskutiert, wer denn eigentlich SchweizerIn ist. Denn im Juli, ja, da war WM.

Diese WM hätte das Potential gehabt, mehr und fundierter zu reden zu geben als irgendeine andere der letzten zwanzig Jahre. Denn nicht nur kann Fussball an und für sich wahnsinnig problematisch sein, auch der Austragungsort hat es in sich. So brüstete sich zum Beispiel eine örtliche Bäckerei-Kette mit den vor ihren Läden hängenden Schildern: „Schwuchteln raus“.

Problematisch ist Fussball, weil gerade die Situation mit dem Nationalstolz im Moment eher schwierig ist. Die einen wollen Amerika wieder great machen, die anderen wählen Nazis in die Regierung. Wo man hinschaut ist das Volk nach rechts gerutscht. Offen darüber zu sprechen, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen ist nicht mehr tabu, schliesslich sind das ja unsere Steuergelder und so. Überall so ein bisschen unschön. Natürlich musste man auch bei uns nicht lange warten, bis sie aus ihren Löchern gekrochen kamen: die besseren SchweizerInnen, die EidgenossInnen.

Weiterlesen

Der Konvention neue Kleider

Nein, heute ist nicht Fasnacht, ich sehe immer so aus. Und überhaupt, das ist Zürich, wir feiern keine Fasnacht. Wir brauchen sie nicht; im Gegensatz zu den Gepflogenheiten auf dem Dorf können wir nämlich in der Stadt weitgehend so aussehen, wie wir wollen – dachte ich zumindest. Letzte Woche musste ich mich allerdings von den Hüter/innen der Konventionen eines Besseren belehren lassen.

Und wie du wieder aussiehst!

2007 brachten Die Ärzte einen Song raus, der meiner Grossmutter aus der Seele gesprochen hätte. Natürlich ohne die Ironie.

Und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm
(Was sollen die Nachbarn sagen?)
Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte – musst du die denn färben?
(Was sollen die Nachbarn sagen?)

Denn die Löcher in der Hose, dem Kleid, dem Pulli, das war ein endloses Thema. Und diese Schminke! Ich wurde mit 16 zum Pseudo-Gruftie (nur die Ästhetik, nicht die Musik) und es liegt auf der Hand, dass die Kleidung auch dazu diente, mich von den normalen Leuten abzuheben. Denn es gibt sie, die Garderoben-Genormten: Jeans und T-Shirt, Jeans und Pulli, Jeans und Hemd. Kleidung ist Code, und wir urteilen danach.

Weiterlesen